Wir verschleudern Talent

9. April 2004, 16:43
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Peter Czerny über die ausgezeichnete Clubreisen-Kampagne, seinen Favoriten und sein Fazit

Was nicht auf den ersten Blick funktioniert, wird überblättert. Der Grand Prix der Anzeigensujets stellt das Prinzip auf den Kopf. 15 bis 20 Männer und Frauen werden am Strand oder Pool für junge Clubreisen perfekt zweideutig arrangiert: Mann streckt die Hände in die Luft, um einen Ball zu fangen. Meter hinter ihm eine Frau, nach deren Brüsten seine Hände scheinbar greifen. Billardqueue scheinbar an weiblichem Po. Bierflasche in Männerhand, scheinbar an Frauenmund. Wer hinsieht, bleibt für Minuten hängen. (Siehe Ansichtssache).

Möchte nur wissen, wie der puritanische Juryvorsitzende Jeffrey Goodby das seinen puritanischen Landsleuten erklärt.

Beim Plakat-Grand-Prix für ein Piercingstudio rätsle ich, ob das ähnlich viele Osloer wahrgenommen haben wie Wiener hoch dekorierte Theaterkampagnen. Mein Favorit war ein Metallplaket für Audi: Je mehr es rostete, desto klarer kam das - dank Klarlack unversehrte - Bild des A2 zutage.

Mein Fazit: Wir sind so gut wie die anderen, investieren aber zu wenig Schweiß und Konsequenz, Ideen auf den Punkt zu bringen. Wir verschleudern Talent. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2002)

Peter Czerny ist Geschäftsführer von CCP, Heye; derzeit Juror für Press & Poster. Text aufgezeichnet von fid
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