Kritik an Basel II-Vorschriften

18. Juni 2002, 15:09
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Finanzexperten warnen vor negativen Auswirkungen standardisierter Risikobewertung

Wien - Die heutigen Industriellen und ehemaligen hochrangigen Finanzexperten Hannes Androsch (Ex-Finanzminister und CA-Generaldirektor) und Josef Taus (Ex-Generaldirektor Girozentrale) waren sich am Dienstag bei einer Veranstaltung bei Deloitte Consulting weitgehend einig, was die Vorbehalte zur geplanten Basel-II-Regelung für strengere Eigenkapitalauflagen für Banken bei Kreditvergaben an Unternehmen betrifft. Androsch kritisierte vor allem die geplante Risikoeinstufung von Klein- und Mittelunternehmen (KMU) mit 100 Prozent als "Verrücktheit, die schwer nachvollziehbar ist". Taus verwies darauf, dass eine österreichische Schlüsselindustrie, die klein strukturierten Tourismusbetriebe, "dann keine Kredite mehr bekommen" würden, da deren Bankverschuldung zu einem großen Teil höher sei als ihre Bilanzsumme.

Wenn man als Wesen des Bankgeschäfts den Handel mit Risiken bezeichne, drohe mit Basel II eine "Gleichmacherei der Risikoeinschätzung", und man müsse sich fragen, ob ein Bankensystem im heutigen Umfang dann überhaupt noch erforderlich sei. Taus verwies darauf, dass in den USA von rund 9.000 Banken nur 37 Institute Basel II übernehmen würden, es sei daher nicht verständlich, warum die EU die neue Eigenkapitalrichtlinie für alle Banken einführen wolle.

Übertriebene Kapitalmarktfinanzierung

Vor allem im deutschsprachigen Raum sei das Geschäft der Universalbanken auf die Finanzierung von Bankkrediten aufgebaut. Mit Basel II werde eine übertriebene Kapitalmarktfinanzierung eingeführt, die in dieser extremen Form auch im angloamerikanischen Raum nicht existiere. "Die Chefs der Regionalbanken kennen die Kreditwürdigkeit ihrer Geschäftskunden meist haargenau", erzählte Taus aus seiner langjährigen Bankerfahrung. Bilanzen seien bei Kleinbetrieben nicht allein aussagekräftig, nicht selten würden Kredite auch durch Sparbücher besichert. Doch nicht nur Dienstleistungsunternehmen, auch die österreichische Industrie komme mit der Kapitalausstattung im internationalen Vergleich nicht mit. "In Österreich ist ein Unternehmen mit 200 Mill. Euro bereits ein Riese, selbst die größten Unternehmen in Österreich sind nach Maßstäben des internationalen Kapitalmarktes klein".

In Österreich liegt die durchschnittliche Eigenkapitalquote mit 28 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. In Deutschland betrage die Quote 30 Prozent, in anderen EU-Ländern teils deutlich mehr (Portugal 42 Prozent), sagte der Geschäftsführer des Fachverbandes der Raiffeisenkassen, Andreas Pangl.

Frei zirkulierende Geldströme

Androsch kritisierte das von den USA dominierte internationale Finanzsystem, das mit dem Bretton-Woods-Abkommen 1971 freie Wechselkurse und damit Deregulierung und Liberalisierung eingeläutet habe. Damit seien international frei zirkulierende Geldströme entstanden, denen knapp reguliertes nationales Geld gegenüberstehe. Die Folge seien zahlreiche Finanzkrisen wie zuletzt in Argentinien gewesen, bei denen Spekulanten vor allem in den USA "großes Geld gemacht" hätten. Diese Instabilität könne man mit höherer Eigenmittelausstattung wie Basel II aber nicht in den Griff bekommen. Selbst in amerikanischen Finanzkreisen sei zu hören: "Zuerst hat man die japanischen Banken umgebracht, jetzt kommen die europäischen dran". (APA)

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