Melange aus berechtigtem Selbstbewusstsein und Schattenboxen

18. Juni 2002, 13:46
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"Davaj! Russian Art Now": Das MAK fühlt der jungen russischen Kunstszene den Puls

Wien - Der Kunstszene in der Russischen Föderation "den Puls fühlen" soll die Ausstellung "Davaj! Russian Art Now" in der MAK-Ausstellungshalle, die Arbeiten von rund drei Dutzend jungen Künstlern aus dem Russland des beginnenden 21. Jahrhunderts zeigt. Das verbindende Element in der facettenreichen Ausstellung sei, dass "diese Künstler das Projekt Kunst überaus ernst nehmen" und "nicht für den Kunstmarkt arbeiten", so MAK-Direktor Peter Noever.

Installationen, Bilder, Objekte, Räume sowie Video- und Klangarbeiten "aus dem Laboratorium der freien Künste in Russland" (so der Untertitel) zeigt die Schau, die ein achtköpfiges Kuratorenteam in dreijähriger Suche zwischen Kaliningrad und Wladiwostok zusammengestellt hat. Auseinandersetzung mit westlichen Geld- und Machtsymbolen (Kerim Ragimows "Destroyed Label"-Serie), Malewitsch-reminiszente form- und farborientierte Fotografie-Bearbeitungen (Jurij Wassiljews "Russian Red"), bedrängende Videos, in denen ein nackter Mann mit brennender Kopfbedeckung durch nächtliche russische Schneelandschaften rennt ("Prometheus 2001" von Maxim Werjowkin), großdimensionierte Papp-Objekte ("Eikonos" von Walerij Koschljakow) und so manches mehr bietet die dichte Ausstellung. Diese ist "nicht fertig", sie wird durch die persönliche Anwesenheit von rund 20 der ausstellenden Künstler in Wien noch so manche Veränderung erfahren, schilderte Noever.

Ich-Perspektive

Viel eher plakativ Provokatives am Rande des Klischees wie die Videoaufnahme aus der Ich-Perspektive eines urinierenden Künstlers oder Fotos von auf einer schäbigen Bank als Putin, Bush und Bin Laden maskierten, herumhüpfenden Künstlern der Gruppe "Blaue Nasen" mischt sich mit selbstreflexiven und witzigen Ansätzen wie das mit Versatzstücken des russischen Lebens bestückte "Wandermuseum" des "russischen Superman Iwan Frosch" von Alexander Schaburow. So erscheint die explizite Ablehnung einer Beurteilung durch westliche Kritiker, die laut MAK-Unterlagen die junge radikale Kunstszene auszeichnet, eine Melange aus berechtigtem Selbstbewusstsein und Schattenboxen zu sein.

Hochglanz-Ausstellung ist keine zu sehen, ein anarchisch-gewollt flapsiger Umgang mit Raum und Material zeichnet viele der Arbeiten aus. Eine kaleidoskop-artige Ausstellung, deren Wechselbäder vieles bieten, auch Bedrückendes wie die Porträtaufnahmen toter Affengesichter von Oleg Kulik. Ein Gestus jedoch ist durchgängig: Die mal mehr, mal weniger erreichte Radikalität der Abkehr von einer aus politischen, persönlichen oder ästhetischen Gründen als verwerfenswert erkannten Realität. Auf den Punkt bringt dies ein fiktives "Reisebüro Escape", das die Künstlergruppe Escape in den Eingangsbereich stellte.

Die Ausstellung ist eine Kooperation des MAK mit den Berliner Festwochen und war schon erfolgreich im Postfuhramt in Berlin zu sehen. Ein gleichnamiger Katalog ist erhältlich. (APA)

Service
"Davaj! Russian Art Now", im MAK. 19. 6. bis 22. 9. Öffnungszeiten: Di 10 bis 24 Uhr, Mi bis So 10 bis 18 Uhr. Samstag ist der Eintritt frei
Heute findet im Anschluss an die Eröffnung (20 Uhr) die "Russia at MAK Nite" statt, eine lange russische Nacht mit Musik, Literatur, Performance, Film und Party, bei der Sven Gaechter für den richtigen Sound und die Berliner Bar am Lützowplatz für das Catering sorgen wird

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