Chronologie eines Niedergangs

19. Juni 2002, 11:34
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Wien - Die Chronologie des (finanziellen) Niedergangs des österreichischen Fußball-Meisters FC Tirol:

Mai 2000: Der damalige Tirol-Präsident Martin Kerscher wälzt große Pläne. Er will den Verein entschulden und mit ihm an die Börse gehen.

August 2000: Der FC Tirol scheitert in der Champions-League-Qualifikation an Valencia. Der Schuldenberg beträgt kolportierte 50 Millionen Schilling (3,63 Mill. Euro).

August 2001: Wenige Tage vor dem Scheitern in der CL-Quali gegen Moskau kündigt Kerscher im APA-Interview ein "revolutionäres Finanzierungskonzept" an. "In den nächsten zwei oder drei Wochen werden wir das Modell vorstellen, mit dem wir permanent unter die Top 30 in Europa wollen..... Auf Grund dieses Modells bin ich ruhiger, denn ohne müssten wir die Champions League unbedingt schaffen. Es ist ein Finanzierungsmodell aus dem Ausland mit Venture Capital."

September 2001: Der FC Tirol will rund 15 Millionen Dollar (15,9 Mio. Euro) aus einem "Cross Border Leasing"-Geschäft mit US-Großinvestoren (Parker Leasing) lukrieren. Als Anzahlung überweisen die Innsbrucker rund zehn Millionen Schilling (726.728 Euro) an das Unternehmen. Der Deal entpuppt sich jedoch als Luftschloss, der Verein sieht kein Geld und muss auch die zehn Millionen abschreiben. Kolportierter Schuldenstand nach dem neuerlichen Aus in der Champions League-Qualifikation gegen Lok Moskau: 120 Millionen Schilling (8,72 Mio. Euro). Kerscher gibt zu, mit der Auszahlung von Gehältern und Prämien im Rückstand zu sein, ist aber über Medienberichte vom drohenden Finanzkollaps erzürnt. "Das ist völlig unseriös und Geschäft störend, uns an den Rand eines Konkurses zu stellen".

Oktober 2001: Kerscher tritt zurück. Neuer Präsident wird der Reifenhändler und damalige Vizepräsident Othmar Bruckmüller. Die Probleme wegen ausständiger Spielergehälter verschärfen sich.

November 2001: Die Bundesliga verlangt vom FC Tirol "in den nächsten Wochen" ein detailliertes Sanierungskonzept.

März 2002: Kolportierter Schuldenstand: 13 Millionen Euro. Die Spieler erhalten die Dezember-Gehälter dank einer Finanzspritze der Raiffeisen-Landesbank Tirol. Hätten die Kicker kein Geld gesehen, wären sie kostenlos frei gewesen.

April 2002: Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft nimmt das geplatzte Geschäft im Parker Leasing genauer unter die Lupe und beginnt mit Ermittlungen gegen Ex-Präsident Kerscher und weitere Vorstandsmitglieder. Bruckmüller unterschreibt ein Dokument, wonach er persönlich bis 30. Juni 2002 für alle Schulden des Vereins haftet. Der FC Tirol erhält die Lizenz für die Saison 2002/03, allerdings unter einigen Auflagen. So müssen unter anderem bis 31. Mai 4,5 Millionen Euro aufgebracht werden. Walter Hintringer, Chef des Tiroler Kreditschutzverbandes: "Der FC Tirol ist insolvent"

Mai 2002: Weitere Ultimaten verstreichen, die Spieler sehen kein Geld. Gilewicz und Panis verlassen das sinkende Schiff und wechseln angeblich ablösefrei zur Austria. Der langjährige Gönner Gernot Langes-Swarovski, in den der Tirol-Vorstand große Hoffnungen auf eine Geldspritze setzte, übergibt den Firmenvorsitz an seinen Sohn Andreas. Der neue Chef will den Innsbruckern nicht unter die Arme greifen: "Swarovski wird den FC Tirol sicher nicht unterstützen." RLB-Chef Fritz Hakl erklärt seine Sanierungsbemühungen für beendet. "Den FC Tirol kann nicht einmal mehr ein Wunder retten."

4. Juni 2002: Manager Robert Hochstaffl wird wegen des Verdachts auf schweren Betrug, Untreue, Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, Nichtabführung von Dienstnehmerbeiträgen und Abgabenhinterziehung verhaftet.

6. Juni 2002: Der Senat 5 der Bundesliga entzieht den Tirolern die unter Auflagen erteilte Lizenz für die kommende Saison. In Tirol starten aber diverse Rettungsversuche. Die Politik schaltet sich ein, eine "Rettergruppe" versucht, ohne Bruckmüller einen Ausweg für den Verein zu finden. Zwei Finanzbeamte werden in der Folge verhaftet.

15. Juni 2002: Die angekündigten Neuwahlen bei der Generalversammlung fallen aus, statt dessen wird der Protest gegen den freiwilligen Lizenzentzug an die Bundesliga geschickt.

17. Juni: Das Schiedsgericht weist in Wien die Klage der Tiroler gegen den vom eigenen Präsidenten unterschriebenen, freiwilligen Lizenzentzung ab. (APA)

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