Ein Fluss, der über ein Wehr nach unten stürzt ...

17. Juni 2002, 19:24
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Frühere Entstehungstheorien über den Föhn widerlegt - noch immer unklar, warum er für Kopfweh sorgt

Innsbruck - 70 Messstationen am Boden und sechs speziell ausgerüstete Flugzeuge haben im Herbst 1999 beim Mesoscale Alpine Programme (MAP) eine gigantische Fülle an alpinen Wetterdaten hinterlassen. In Nordtirol galt das Interesse dem Föhn, und Georg Mayr vom Innsbrucker Uni-Institut für Meteorologie ist noch heute über den damaligen guten Föhnjahrgang begeistert. Dank der nun ausgewerteten Daten könne man frühere Föhn-Theorien endgültig widerlegen, meint Mayr und skizziert ein neues Bild über das auch in anderen Gebirgsregionen auftretende Wetterphänomen.

Der Alpenhauptkamm ist in Mayrs Vergleich ein Wehr und die vom Süden heranströmenden Luftmassen sind ein Fluss. Es sind daher die oberen Luftschichten (und nicht wie früher vermutet bodennahe), die über dieses Wehr stürzen und wie eine Flutwelle sich beschleunigend talwärts rasen. Dabei erwärmen sie sich und trocknen die Luft.

Im Herbst, Winter und Frühjahr ist das Nordtiroler Wipptal mit seiner Nord-Süd-Erstreckung fast ein Drittel der Zeit von Föhnwetterlagen betroffen, Innsbruck während sechs Prozent der Zeit in der gleichen Periode. Abgesehen von "seichten" und "hoch reichenden" Föhntypen führt die unterschiedliche Ausrichtung der Seitentäler des Wipptales dazu, dass die Föhnwirbel ungleich auftreten und schwer vorhersagbar sind. Oft sind diese Täler so schmal, dass die Luftmassen den Talboden nicht erreichen können.

Mayr relativiert auch die Meinung, der Föhn sorge für saubere Luft. Sogar das Gegenteil sei der Fall, wenn verschmutzte Luft aus der Poebene nach Norden transportiert wird oder wenn bei Inversionswetterlagen ein nicht bis zum Boden reichender Föhn den "Deckel" über Innsbruck für längere Zeit erst richtig dicht macht.

Bemerkenswert ist, dass man über die viel beklagten Wirkungen des Föhns auf den Menschen, wie z.B. Kopfweh, sehr wenig weiß. Ein gemeinsames Forschungsprojekt von Meteorologen und Medizinern ist aber nicht in Sicht.

Der Schwerpunkt des Forschungsinteresses von Herbert Pümpel liegt auf der Fliegerei, ist der MAP-Mitarbeiter doch hauptberuflich Leiter der Flugwetterwarte Innsbruck. Eine eben fertig gestellte Diplomarbeit bestätigt anhand von MAP-Daten, dass die bei Föhn auf dem Erfahrungswissen von Piloten basierenden An- und Abflugverfahren (etwa möglichst nahe entlang der Nordkette) optimal Föhnwirbeln ausweichen. Im Flugverkehr sei es bei Föhn noch zu keinen Schäden gekommen, sagt Pümpel. Dank der Lage des Flughafens im Westen der Stadt hätte man dessen Betrieb in den letzten Jahren nur einmal wegen zu starken Seitenwindes für eine Stunde einstellen müssen.

Turbulenzen ungeklärt

Offene Fragen betreffen in normaler Flughöhe (9000-10.000 m) auftretende Turbulenzen. Eine Wetterlage, bei der sich in dieser Höhe Föhnwellen brechen, habe man während des MAP-Projektes "leider nicht erwischt". (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 6. 2002)

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