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18. Juni 2002, 18:28
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18. Juni 2002

In der Wochenendbeilage Spectrum der "Presse" vom 27./28. April hat Otto Brusatti einen ebenso behutsamen wie aufschlussreichen Artikel über Mauthausen heute geschrieben, "Der tote Strich". Vergangenes Wochenende sah sich der Autor genötig, an derselben Stelle ein Postscriptum nachzuschicken, in dem er von den Reaktionen auf seinen Text berichtete. Sie waren unterschiedlich, aber vor allem: Das Grausliche kam per Post oder aus dem Telephon. "Du Schwein" ist die mindeste Anrede gewesen, aus dem Hörer entgegengerülpst. Ein wenig "Sieg Heil!" war auch dabei.

Auf ihre Leser ist "Die Presse" immer besonders stolz gewesen. Hoffentlich waren es wenigstens nicht Abonnenten, die den Autor mit "Du miese Sau" beziehungsweise "Du Arschloch" anredeten und ihn Geheimnisse wissen ließen wie: Wir Deutsche sind alle gegen Hitler gewesen und müssen bis heute büßen!" Oder: "In den Tschechen-KZs hat man Ärgeres erlebt als in den Hitler-KZs."

Oft zum Kotzen! fand der Verfasser solche Reaktionen. Er wäre vermutlich weniger erstaunt gewesen, würfe er gelegentlich einen Blick auf die Website der "Presse", wo sich Geisteshaltungen Bahn brechen dürfen, die man gewöhnlich weder mit Begriffen wie Zivilisation, Liberalität, großer Horizont oder Katholischer Pressverein verbindet. Im Folgenden einige Zitate von einem einzigen Tag, dem 4. Juni 2002, an dem es galt, die Welt wieder zurechtzurücken, nachdem die "Frankfurter Allgemeine" Jörg Haider nach einem Protest des deutschen Außenministers Joschka Fischer von einer Diskussion wieder ausgeladen hatte.

Noch harmlos war ein "Commenti", der meinte: Fischer ist das Letzte was Europa zu bieten hat. Ein proletarischer Hungerleider, der nach der nächsten Wahl gar nichts mehr zu fressen hat. Wer braucht denn diesen nichtssagenden Typen wirklich. Seine Politik auf allen Ebenen gescheitert, kein Mensch auf der ganzen Welt hört diesem Affen noch zu. Nur ein paar (un-)gläubige Proleten. Hoffentlich ist diese Lachnummer bald zu Ende.

Ein "Strammer Max" wollte in einem Aufwaschen auch gleich etwas über den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit loswerden und reimte es unseren Wiener Genossen ins Stammbuch: Wenn unser starker Drang es will zapple nicht und halt ganz still bücke Dich und küß' Berliner Boden 'Moni' will nun an Deine Ho . . .

Man muss kein Möllemann-Fan und kann trotzdem Antisemit sein. Nun kann man zu Möllemann stehen, wie man will - mein Geschmack ist er nicht -, aber dieser Vorfall zeigt ein weiteres Mal den übermäßigen Einfluß der Juden, und zwar auch an Stellen, wo er im Sinne einer objektiven Information nichts verloren hat. Objektive Information kauft man eben nur beim Arier. Denn, so weiß ein "Penpal": Viel Feind, viel Ehr. Übrigens, Haiders Anmerkung zur SS wird natürlich von der Gegenseiten bis zum Erbrechen ausgeschlachtet. Zur geschichtlichen Klarstellung, SS ist nicht gleich SS. Jeder Demokrat ist nicht lieb, jeder Nazi wird wohl kaum böse gewesen sein, so etwas zu glauben weist schon auf eine gewisse Dummheit hin!

Man müßte Haider und Le Pen gemeinsam zu dieser Talk-Runde einladen, schlug ein anderer Klarsteller vor. Außerdem würde sich garantiert sofort der Bürger Spiegel ganz bitterlich bei seinem Onkel Sharon beschweren. Und eine "Außenamts-Stellungnahme" lautet: Der Sprecher des deutschen Außenministeriums, Joscha Schmierer, gab bekannt, der deutsche Außenminister könne sich schon deshalb nicht mit Haider treffen, weil Prof. Dr. Dr. hc. Joseph Fischer permanent im Mastdarm von Ariel Scharon und Michel Friedman weile, wo Haider keinen Zutritt habe!

Und in einer "Solidaritätsbekundung" heißt es: Da tönt ein Ruf wie Donnerhall: "Wowereit, den Po bereit!" Auch die IKG (Israelitische Kultusgemeinde K. P.) wird in Bestbesetzung mit Ariel (Muzicant, Präsident der IKG K. P.), Simon Wiesenthal K. P.) und Doron Rabinovici K. P.) antreten, um zusammen mit Glaubensbruder Gregor Gysi in Berlin die wundersame Vermehrung Rechtgläubiger in Deutschland zu feiern, wo sich ja dank des Ehrenwort-Helmuts, des Schwarzgeld-Kohls, die jüdische Bevölkerung in den letzten Jahren verdreifacht hat! So eine Freude! Ja, die Germanen haben schon in die Tat umgesetzt, was Ariel immer noch fordert: den uneingeschränkten Zuzug von orthodoxen Ostjuden! Wann endlich wird unsere Unrechtsregierung den geforderten 60.000 NeuSiedlern die Flugreise nach Österreich zahlen?

So weit ein kleiner Auszug. Gegen unappetitliche Zuschriften anonymer Durchschnittsprimitivlinge kann sich kein Medium wehren. Muss man sie auch veröffentlichen? In ihrer Printausgabe würde "Die Presse" das wohl kaum tun, aus welchen Gründen immer. Und bei vielen Postings kann auch etwas durchrutschen. Wenn aber unter einem solchen Haufen österreichischer Geistigkeit dann noch steht Powered by Die Presse/IT-Team, muss man dem Blatt bestätigen: Da kennt Patriotismus keine Schamgrenzen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 18.6.2002)

Von Günter Traxler
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