Das Anti-Hamlet-Netzwerk

17. Juni 2002, 20:16
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"16 Tage Stolpern" beim niedersächsischen Festival "Theaterformen 02"

Unter dem Motto "16 Tage Stolpern" setzte das niedersächsische Festival "Theaterformen 02" in der Intendanz von Veronica Kaup-Hasler trotz geringen Budgets auf Risiko - und gewann das Publikum mit neuer Ästhetik.


Spätestens mit den hochgeschwindigkeitsbeschleunigten Diskurs-Opern des deutschen Regisseurs René Pollesch ist das Theater gelandet in Phase eins der post-individuellen Bühne. Wenn seine Schauspielerinnen einander verbal beflegeln, dann mit Sätzen von durchaus ungewöhnlicher Streitqualität, Sätzen wie etwa folgendem: "Diese Fassade, die dein Scheiß-Gesicht ist, scheint sich mit dem Authentischen zu beschäftigen, dieses Theater da in deinem Gesicht, aber der Supermarkt da in dir drin, der hat Kontakt mit der Wirklichkeit, aber anscheinend nicht deine altsubjektive Fassade!"

In Hannover, wo die Uraufführung von Polleschs jüngster Bühnen-Fortschreibung, Der Kandidat (1980). Sie leben!, den triumphalen Endpunkt des sechzehntägigen Festivals "Theaterformen" setzte, durfte das niedersächsische Publikum sich folglich vorbereiten: Neunzig Minuten vor Vorstellungsbeginn lud das Festival zum "Dialog" des Künstlers mit dem Soziologen Dirk Baecker.

Baecker erkannte in der grandiosen Überforderung durch das Pollesch-Theater Parallelen zur täglichen Überforderung durch die Gesellschaft und regte ein Nachdenken an darüber, wie das artifizielle Textmaterial soziologischer Schriften bei Pollesch umgesetzt würde in gleichermaßen artifizielle theatralische Situationen.

Theater denken - nachdenken über Theater und seine ästhetischen Möglichkeiten: Diese altmodische Disziplin wurde im fernen Niedersachsen ganz neuartig wiederbeatmet. Der Dialog war Teil der gleichnamigen, täglich im Festivalzentrum stattfindenden Gesprächsreihe, die konsequent als das heimliche Herz der diesjährigen "Theaterformen" bezeichnet werden kann. Erklärtes Ziel der Intendantin Veronica Kaup-Hasler, die das ambitionierte Programm des diesjährigen Festivals verantwortete, nämlich war, das zeitgenössische Theater nach den neuesten Formen an seinen ausfransenden Rändern zu befragen.
Gewissermaßen als ästhetische Verdauungshilfe boten die Dialoge eine wesentliche Ergänzung für das interessierte Publikum in Hannover und Braunschweig, dem zweiten Ort des Festivals.


Neue Namen

Dass einem Wiener Theatergänger dennoch manche der Avantgardekünstlernamen vertraut klangen, ist kein Zufall: Noch letztes Jahr war Veronica Kaup-Hasler als Dramaturgin wesentlich beteiligt an der Auswahl neuer Theaterkunst bei den Wiener Festwochen. Nicht zuletzt das Zustandekommen von Christoph Schlingensiefs Container-Projekt vor zwei Jahren war wesentlich ihr Verdienst. Sie holte Biljana Srbljanovic ebenso nach Wien wie den New Yorker Theater-Minimalisten Richard Maxwell und die Zagreber Truppe um Bobo Jelcic und Natasa Rajkovic.

Maxwells lakonische Miniaturen aus der Tristesse amerikanischer Durchschnittsleben und Jelcic' Hyperrealismus waren denn auch in Hannover in neuen Variationen zu sehen. Wie sich vieles auf dem Festival als Variation des Bekannten mit neuen Mitteln darbot. Der deutsche Filmemacher Fred Kelemen, dem eine eigene Filmschau gewidmet war, verunglückte mit dem Versuch einer Re-Theatralisierung von Fahrenheit 451; die Belgier Gerardjan Rijnders und Tom Lanoye zeigten mit Mamma Medea eine Neubearbeitung des Euripides-Materials.

Neben wenigen Arbeiten bekannter Künstler - Christoph Marthalers Shakespeare-Inszenierung Was ihr wollt oder Joachim Schlömers choreografische Umsetzung von Claudio Monteverdis La guerra d'amore - konnten beim niedersächsischen Publikum auch gänzlich unbekannte Namen punkten: etwa der ungarische Experimentalmusiker Tibor Szemzö mit seinen Cinematographic Concerts oder die deutsch/schweizerische Performergruppe "Rimini Protokoll", die sich in einem der gnadenlos hässlichen Hochhaustürme in Hannovers Innenstadt installierte und das Stadtbild zur Science-Fiction-Bühne erklärten.

Den abschließenden Höhepunkt in Kaup-Haslers ausnahmslos mutigem Programm bildete denn auch mit René Pollesch jener Dramatiker und Regisseur, der im vergangenen Jahr in Mülheim zum Dramatiker des Jahres gekürt worden war, dessen Prater-Trilogie zu den Höhepunkten des diesjährigen Berliner Theatertreffens zählte und dessen vollkommene Vernachlässigung in Österreich nur noch als fahrlässig bezeichnet werden kann.


Sprech-Arien und Clips

Mit Der Kandidat (1980). Sie leben!, wuchs der Pollesch-Textkörper, geredet, geschrien und gespielt von drei famosen Schauspielern (Caroline Peters, Catrin Striebeck und Bernd Moss), ein weiteres Mal, angereichert durch Gedankenmaterial aus dem Kluge/Schlöndorff-Film Der Kandidat und John Carpenters Sie leben. Neue, gespielte Clips unterbrachen neue Sprech-Arien. Überforderung war angesagt, verblüffend extravagante Komik und kollektives Schlafen "uneingeschränkt solidarisch mit dem Weltfrieden". Wien, aufgewacht! (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

Service
Mehr zu René Pollesch lesen Sie im ALBUM am 29. Juni
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    Szene aus dem Theaterstück "Der Kandidat (1980). Sie leben!" von Rene Pollesch mit Catrin Striebeck im Schauspielhaus Hamburg.

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