Papa erzählt vom Krieg

17. Juni 2002, 20:05
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"Motörhead" traten in der "Arena" der Stadt Wien ordentlich in den Hintern

Wien - Für eine Klassenbucheintragung von wegen betrunken im Unterricht und bitte jetzt sofort nach Hause und morgen in Sack und Asche bei der Entscheidungsprüfung in darstellender Dings durchfallen zeichnet exakt dieser Mann verantwortlich: Lemmy von Motörhead. Der röchelt da oben auf der Bühne bei einer den Magen-Darm-Trakt durchaus physisch umschmeichelnden Lautstärke mit nacktem Oberkörper unter der Einiwampler-Parole "Wien. Jugend findet Stadt" mit seinen 57 Jahren gerade im Zugabenblock "That's the way I like it, baby, I don't wanna live forever!" Was soll man zwischen zwei Bier aus dem Plastikbecher groß sagen . . . Mann fällt!

Laut einem Schulkollegen, wegen zweimaliger Vertragsverlängerung noch vor der Matura im Besitz eines Opel Kadett mit Rallyestreifen, war es nämlich nicht nur heute, sondern schon 1982 im Innviertel "nachts so fad, dass man außer schlafen nichts tun kann". Und in Linz spielte die unter führenden Halbstarken eidesstattlich geprüfte lauteste, härteste, schnellste, gemeinste, sittlich am wenigsten gefestigte und daher - ja, ja, ja, her damit! - verkommenste Band der Welt!

Nein, liebe Festgemeinde, das sind nicht die Nasenbohrer von den Rolling Stones, das sind, bitte schön, Motörhead! Motörhead mit Ö. So viel Zeit muss sein.

Motörhead, die gute Mutter der Ausschweifung, der Vater des schlechten Atems, der böse Schwager von Jack Daniels, die Ursuppe des Sodbrandes und der Erfinder des Hörsturzes mit doppeltem Nachschlag (links, rechts). Motörhead, die in den 70er-Jahren parallel zu Punk den Speed in den Metal brachten. Mit einem kleinen Trick. Wer Speed einwirft, spielt auch tatsächlich schneller. (Nicht zu Hause nachmachen!)

Es gibt verschiedene Annäherungen an die Musik. Textlich gibt es entweder den Blues oder Blablabla oder "I shoot you in the back!". Akustisch existiert schließlich interessante Musik und interessantistische. Interessantistische Musik ist jene, die dauernd etwas Neues will, umbaut, ausbaut, Zierteiche anlegt, sich in den Spiegel schaut und sich beim Pinkeln in der Gästetoilette selbstverständlich niedersetzt. Interessante Musik sagt Rawumms, jetzt ist das Haus zwar weg, aber dafür sieht man weiter ins Panorama, wenn man in die Hecke wischerlt. Motörhead machen sehr, sehr interessante Musik.

Dass die brutalen Hochgeschwindigkeits-Riffs nun über all die Jahre etwas langsamer geworden sind, spielt absolut keine Rolle. Auch die Haltung wird bewertet! Und jünger werden wir alle nicht. Es ist auch völlig schnurz, dass einige jüngere Songs wie vom neuesten Album Hammered nur mehr etwas drittezähnemäßig auf frühere Glanzleistungen wie Ace Of Spades aus 1980 verweisen.

Das Konzept Motörhead, sich in jeder Hinsicht zuzudröhnen, dabei eine nette Zeit zu haben, auf das Erwachsenwerden zu vergessen und am Tag danach mit einer Angebertätowierung auf der Stirn aufwachen und "Alka Seltzer!" schreien - es wird so lange funktionieren, wie junge Menschen sich ein wenig außerhalb der Gesellschaft positionieren wollen. Lemmy Kilmister lebt das für uns vor. Klasse, den Leberschaden muss man sich nicht selber holen. Ein Leben gegen das Klassenbuch. Und jetzt alle: "We are Motörhead, we're gonna kick your ass!"(DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

Von Christian Schachinger


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Motörhead - Offizielle Website

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