Der Hefebruder als Nasenflötist

17. Juni 2002, 20:02
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Ein Autor gab der der deutschen Gegenwartsliteratur den Spaß zurück: Thomas Kapielski

Der Autor Thomas Kapielski (51) gab der deutschen Gegenwartsliteratur den Spaß zurück: In seinen tagebuchartigen Schriften agitiert er so furios wie unterhaltsam gegen den Zeitgeist. Ronald Pohl traf ihn aus Anlass einer Wochenendlesung im Wiener Rabenhof.


Wien - Der Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski trägt bei vierzig Grad Celsius im Schatten völlig ungerührt einen taubengrauen Zwirn, dick, wie aus Aluminiumblech. Kapielski, von dem alle Welt vermeint, er säße bereits frühmorgens, wenn andere das erste Gabelfrühstück ins Auge fassen, beim kühlenden Bier, ist ein höflicher Gesprächspartner. Sein zäh mäandernder Stimmfluss, der allerlei Berliner Merkwürdigkeiten weiträumig umspült, das "Icke" für "ich", das "och" für "auch", gemahnt überraschenderweise an den niedersächsischen Prosagesang des regierenden Bundeskanzlers Gerhard Schröder.
Kapielski, der nun zu seiner ersten, großen Apfelschorle greift, hat einige der zwerchfellerschütterndsten Prosastücke in deutscher Sprache geschrieben, deren Autor nicht Eckhard Henscheid war. Kapielski hat eine Figur namens "Kapielski" erfunden. Die sitzt im Schummerlicht einer Neuköllner Bierschwemme, die rund um die Uhr geöffnet hält, und murmelt der lächerlichen Betriebsamkeit der Berliner Republik ihr beredtes "Mit mir nicht!" entgegen.

Einmal beobachtet diese Kapielski-Figur, wie einem Manne die leer getrunkene Bierflasche am Mund haften bleibt, und ein ganzes Sondereinsatzkommando der Berliner Rettung muss mit Blaulicht anrücken, um das sich rund um das Schluckloch gebildet habende Vakuum mit vereinten Kräften zu lösen.

Der Mann, klärt Kapielski den Leser auf, habe ein physikalisches Experiment im eigenen Mundraum nachgebildet und den erstaunlichen Effekt der Magdeburger Halbkugeln sozusagen mit dem natürlichen Anpressdruck seiner Lippen provoziert.

Kapielski, erzählt der richtige Thomas Kapielski, der im wahren Leben Kunst in Braunschweig lehrt und "Jahrgangältester" im Berliner Nasenflötenorchester ist, liest mit Vorliebe Fachliteratur. Eher Physik, oder, wenn es denn schon sein muss, Philosophie. Mit erzählender Literatur tut sich der heute komischste Erzähler deutscher Zunge eher schwerer: "Ich kann nicht dieses: ,Otto sagte, und Susi saß . . ."


Die Punze Spaß

Jetzt hat er komisch zu sein: "Man wird ja auch in der Beurteilung der Arbeit so gerne festgelegt. Ich gelte so als der Mann, der früh um zwölf im Blauen Affen am Hermannplatz schon Bier trinkt: eben der ulkige Erzählonkel. Das stimmt ja im Grunde nicht. Es gibt 'ne humoristische Seite, die wird in Deutschland mit Erstaunen gesehen, denn man hat es dort lieber, wenn die Leute ernst schreiben. Ich versuche, beides so zu balancieren, dass das Ernste was Ulkiges kriegt, und das Ulkige was Ernstes. Das ist nicht mein Problem, sondern das der Leute, die das beurteilen."

Sein letztes, 2001 bei Merve erschienenes Buch trägt den Titel Sozialmanierismus: Die kurioseste Wortschöpfung, mit der man der Bigotterie eines ins Kraut schießenden Gesinnungskitsches schönen Geists und in tadelloser Haltung begegnen konnte. Kapi-elski erdichtete darin das Tagebuch jener zwei Jahre, die das Millennium beidseitig umfassten.

Wie unter Bernstein glänzen darin ein paar abgeschlossene Erzählungen: Eulenspiegeleien, mit deren Hilfe etwa das Klagenfurter Wettlesen, wo Kapielski höchst erfolgreich den Spaßvogel mimte, seinen literaturvernichtenden Schrecken verlor.

Und: Jörg Haider schüttelte er sogar freiwillig die Hand! Ging stracks auf ihn zu und verwickelte den braun gebrannten Schrecken der Alpen in ein ungezwungenes Geplauder über Kunst und Kultur. Ja, ja, Künstler wie den Nitsch Hermann solle der Herr Landeshauptmann doch bitte hübsch in Ruhe lassen . . .
Den Mund verbrennt sich Kapielski sehenden Auges: Wenn er die Anpassungsunlust zugewanderter Muslime in Berlin trocken kommentiert, oder die deutsche Außenpolitik sozusagen personal kostümiert. Dann wackelt Verteidigungsminister Scharping "im Sterzgang" über die Rollbahn deutscher Militärflughäfen. Die Kapielski-Figur ist ein Sachwalter nicht des gesunden, sondern des erhabenen Menschenverstandes. Der Blickwinkel ist die Ewigkeit, und das Bierlokal ist deren Vorhof.
Kapielski - die Apfelschorle ist geleert - kommentiert seine Sendung wie folgt: "Über die Idiotenhaftigkeit des Kunstbetriebs, die ja schon kolossal ist, darüber hab' ich ja viel zu sagen gehabt. Im Literaturbetrieb ist das einfacher: Da hat man Lesungen, und bei dieser Gelegenheit trifft man auf Veranstalter wie Bad Leukerbad oder Baden-Baden. Und hat dadurch die Möglichkeit, deren Kuriosität wahrzunehmen." Er sei ohne Ehrgeiz. Den Bachmann-Preis bekam er damals schließlich auch nicht: "Entweder man kriegt ihn, oder man kriegt ihn nicht. Und manchmal gewinnt man ihn wirklich besser nicht. Im Nachhinein hab' ich einmal geguckt: Es gab so Jahre, wo der wahre Knüller immer den Verkanntenbonus hatte."
Für Israel möchte er eine Lanze gebrochen haben. Und Sachen wie die Walser-Debatte entziehen sich seiner Deutungslust: "Ich verstehe das nicht, weil ich das Buch nicht gelesen habe, und auch eigentlich gar nicht vorhabe, es zu lesen. Walser hab' ich auch wieder geprüft, erst neulich: Ich fand das eine ziemliche Zumutung, seine Romane zu lesen. Überhaupt die späten Sachen. Grauenhaft." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

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