Watschen für Othmar

24. Juni 2002, 15:31
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... weil ihm der Vorwurf, rassistische Türpolitik zu machen, nicht wurscht ist

Einen Millimeter über dem Suppentellerhorizont mutete die Diskussion grotesk an. Auch wenn da tatsächlich einmal ein Türsteher Scheiße gelabert hat. Aber zum selbstgerechten Rassismuskeulenschwingen im (bequemen) Nahfeld des politisch akzeptabel zu agieren versuchenden Wirtschaft- und Kulturumfeldes taugt Othmar Bajlicz halt besser, als jeder grundsätzlich ignorante Wirt in der Stadt: Der Chelsea-Mann zeigt nämlich Wirkung. Weil ihm der Vorwurf, rassistische Türpolitik zu machen, nicht wurscht ist.

Drum saß Bajlicz neulich mit allerlei korrekt-politischer Prominenz auf der Bühne des eigenen Lokals und durfte sich eine Abreibung holen. Via Forentratsch war monatelang unterwegs über “Vorkommnisse” kettengemailt worden, bis die Brieflein eine nette Eigendynamik entwickelt hatten und Kraft ihres ständigen Wiederauftauchens den Eindruck erweckten, das Traditionslokal am Gürtel wäre ein Vorposten der “Bewegung für eine reinrassige Josefstadt”: Boykottaufrufe, Festabsagen und - zumindest - ein abgesagtes Konzert waren der “Erfolg” einer Diskussion, die am Kern der Sache vorbei ging.

Das Böse an der Tür

Denn die Chelsea-Crew hatte gemacht, was jeder vernünftige Wirt tun würde: Als sich im Jänner sexuelle Belästigungen und Diebstähle im Lokal zu häufen begannen, wurden - horribile dictu - Sicherheitsleute in und vor das Lokal gestellt. Grapscher flogen raus - und Handtaschen- und Handydiebstähle nahmen ab. Das dürfte wohl mit dem Abweisen mancher Gäste schon vor dem Lokal zusammen gehangen sein.

Türpolitik, das ist systemimanent, erwischt aber auch die Falschen. Immer. Dass vom Wegweisen “Echtösterreicher” betroffen waren, regte niemanden auf. Dass aber auch manche Leute mit Migrantenhintergrund plötzlich draussen bleiben mussten, rief sofort die PC-Fraktion auf den Plan. Die Politkeulenschwinger griffen flugs zum Bihänder. Schließlich, das dokumentiert zumindest ein - von den Lokalbetreibern gar nicht dementierter Fall -, sollen auch Worte wie “keine arabisch aussehenden Leute” und “Afrikaner nur in weiblicher Begleitung” gefallen sein. Scheiße, keine Frage. Dass aber seitens der Chelsea-Crew - postwendend - die Securityleute des Multikulti-Jugendprojektes “Echo” zur Verstärkung und Schulung der Türleute herangezogen wurden, tauchte in kaum einem der Feme-Mails auf, die sogar jetzt noch (die Türsteher vor dem Lokal sind - dank des Rückganges der Diebstähle - abgezogen) immer wieder aufpoppen.

Bequemer Sündenbock

Vergangene Woche saß Bajlicz auf der Bühne des eigenen Lokals und durfte sich abwatschen lassen. Irgendwann erwähnte einer der (türkischstämmigen) Securities dann, dass es schon stimme, dass er in einen Großteil der kommerzieller orientierten Nachtlokale Wiens nie reinkäme. Bloß: Mehr als ein maues “da gehen wir ja auch nicht hin” war den Keulenschwingern dazu nie zu entlocken: “Das ist doch eine andere Diskussion.” Und die führt man lieber nicht. Weil es bequemer ist, denen, die sich wegen Marginalien ein schlechtes Gewissen machen lassen, eins drüber zu ziehen.

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