Mit Drei-Minuten-Date zum Rendezvous

17. Juni 2002, 18:08
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Sprint in die Zweisamkeit: Neuer Service für Schnellentschlossene in Warschau

Alle drei Minuten ein Mann! Der erste Eindruck ist der wichtigste. In Polens Hauptstadt ist Tempo angesagt. Atemlos verfolgen die Jungen ihre Karriere, zum Essen rennen sie um die Ecke zu McDonald’s, und nun können sie sich auch in drei Minuten verlieben. Die "szybka randka" ist der neueste Partyhit, das "Schnell-Rendezvous" bei einem Glas Wein oder Bier.

Im "Soma" in der Foksal-Straße, einem Lokal in der City Warschaus, treffen sie einander sonntagabends: 30 Frauen und 30 Männer für je drei Minuten - und für 30 Zloty (etwa 7,50 Euro). An einem strategisch günstigen Platz lehnen zwei Dreißigjährige an der Wand, nippen am Wein, taxieren die hereinkommenden Männer. "Aah, ein Hengst!", platzt die Rothaarige raus und hält sich schnell den Mund zu.

Aber der braun gebrannte Sonnyboy hat es wohl doch gehört, wirft den Frauen einen herausfordernden Blick zu und knöpft das Hemd noch einen Knopf weiter auf. Der nächste kommt: "Zu dick", kommentiert die Rothaarige. "Jetzt wart’s doch erst mal ab", wirft die Blonde ein und steuert auf ein Tischchen zu, "vielleicht ist er ja nicht blöd".

Sie setzt sich an Tisch Nummer 12. Auch die anderen Frauen setzen sich. Alle haben Zettel und Stift vor sich liegen. Der Conferencier erklärt noch einmal die Spielregeln. "Start", die Männer stürzen etwas unkoordiniert auf die Tische zu. Joanna, die Rothaarige, hat zuerst mit einem rund zehn Jahre jüngeren Studenten zu tun. Ihm ist gerade die Freundin weggelaufen. "Wie lange hat denn deine längste Beziehung gedauert?", will er wissen.

Kreuzchen bei Nummer 21

Nach drei Minuten ruft der Conferencier "Mein Herren, bitte umsetzen!" 26 Männer - mehr sind es nicht - rücken einen Tisch weiter. Zu Joanna setzt sich wieder ein Student. Recht attraktiv, wie sie findet, aber als er erzählt, dass der Wind ihn hergetragen habe und im Leben alles flüchtig sei, hakt sie ihn ab.

Die mit beiden Beinen im Leben stehende Reisekauffrau sucht den Blick von Zofia, der Blonden. Die quält sich gerade mit einem dürren Zwei-Meter-Mann ab, der nach jedem Satz in langes Grübeln verfällt. Nach drei Minuten setzt sich Jacek, ein schüchterner Informatiker, an Joannas Tisch, dann Marcin, ein Sportjournalist, Daniel, ein lustiger Holländer, der in Warschau eine Sprachschule betreibt, Adam, ein smarter Historiker, Alessandro, ein Italiener, Piotr von der Warschauer Uni, Piotr, ein arbeitsloser Brückenbauer, und ein tief in die Augen schauenden Finanzberater, Pawel.

Als die gut anderthalb Stunden um sind, dreht sich´Joanna zwar leicht der Kopf, aber sie will einen von den 26 wiedersehen: Alessandro, den "Hengst". Sie macht ein Kreuzchen bei Nummer 21 und gibt ihren Zettel ab. Wenn alles gut geht und Alessandro die Nummer 15 angekreuzt hat, wird es ein echtes Rendezvous geben. Am nächsten Abend, wieder im Soma. (DER STANDARD, Print, 18.6.2002)

Gabriele Lesser aus Warschau
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