Ärger über "Angstminister"

18. Juni 2002, 10:11
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US-Justizminister John Ashcroft wird wegen unbelegter Anschuldigungen um angeblich verhinderten Anschlag mit "schmutziger Bombe" scharf kritisiert

Eine Woche nach der dramatischen Ankündigung von US- Justizminister John Ashcroft, US-Geheimdienste hätten Pläne für eine so genannte "schmutzige Bombe" vereiteln können und man habe den Al- Qa'ida-Terroristen und US- Bürger Jose Padilla, alias Abdullah al-Muhajir, als "feindlichen Kämpfer" vom Justizministerium in das Verteidigungsministerium überstellt, steht Ashcroft selbst im Kreuzfeuer der Kritik.

Es stellte sich nämlich heraus, dass es sich keineswegs um konkrete Pläne der Al- Qa'ida gehandelt hatte, die - wie es bei Ashcrofts dringlicher erster Ankündigung aus Moskau schien - in letzter Minute durch die Tüchtigkeit der viel kritisierten US-Geheimdienste abgewendet werden konnte: Das Einzige, was bisher festzustehen scheint, ist, dass Padilla tatsächlich Recherchen über radiologische Waffen getätigt hat - die sich jedoch auf intensives Internetsurfen beschränkten.

Kurz nach Ashcrofts Auftritt hatte Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz bereits abgeschwächt, es habe sich nicht um definitive "Pläne", sondern nur um lose geführte Gespräche gehandelt.

Im Weißen Haus war man darüber verärgert, dass Ashcroft die unmittelbare Gefahr einer "dirty bomb" allzu stark übertrieben hatte und spielte dieses Unbehagen durch eine Reihe wohl gezielter Ankündigungen auch den US-Medien zu. Dazu kommt, dass man keine dringliche Notwendigkeit sah, die Äußerungen Ashcrofts per Videoüberspielung aus Moskau öffentlich zu machen - außer der, Ashcroft wieder einmal ins rechte Licht zu setzen.

Noch immer gibt es Beobachter, die behaupten, Ashcrofts Darstellung sowie der Zeitpunkt seien mit dem Weißen Haus abgesprochen gewesen, um von den im Kongress stattfindenden Hearings über das Versagen der US-Geheimdienste abzulenken.

Der ehemalige republikanische Senator Ashcroft, der im Jahr 2000 seine Wiederwahl verlor, musste nach seiner Nominierung zum Justizminister im Jänner 2001 rigorose Hearings durch seine ehemaligen Senatskollegen durchlaufen. Er wurde vor allem wegen seiner erzkonservativen Ansichten - gegen Abtreibung und Waffenkontrollen - und mangelnden Feingefühls im Rassenkampf angegriffen.

Nach dem 11. September verstand es Ashcroft - der von der Washington Post als "De-facto-Angstminister" bezeichnet wird - jedoch, sich immer wieder in Szene zu setzen, so sehr, dass es ihm manchmal gelang, US-Präsident George W. Bush selbst die Show zu stehlen.(Der STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

Von Susi Schneider aus New York
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