Wahlmüdigkeit in Frankreich: An der Sommersonne lag es nicht

17. Juni 2002, 15:39
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Etablierte Parteien finden unter jüngeren Bevölkerungsgruppen immer weniger Rückhalt

Straßburg - Zumindest in einem sind sich Politologen und Wahlforscher einig - das schöne Sommerwetter und die Fußball-Weltmeisterschaft im fernen Südostasien waren nicht dafür verantwortlich, dass die Franzosen bei der Parlamentswahl massenhaft den Wahlurnen fernblieben. Fast 40 Prozent der Stimmberechtigten hatten am Sonntag offenbar Besseres zu tun, als in die Wahllokale zu gehen. Die schon beim ersten Durchgang vor einer Woche äußerst geringe Wahlbeteiligung sank nochmals um drei Prozentpunkte und erreichte damit den niedrigsten Wert seit Bestehen der Fünften Republik.

Junge hatten besonders wenig Interesse

Vor allem den in den vergangenen fünf Jahren regierenden Linksparteien gelang es nicht, ihre Anhänger zu mobilisieren, und damit die erwartete Niederlage gegen das rechtsbürgerliche Lager noch etwas zu mildern. Besonders wenig Interesse zeigten die jungen Franzosen, die traditionell eher links wählen. Dem Institut IPSOS zufolge blieben 58 Prozent der Wahlberechtigten zwischen 18 und 24 Jahren und 54 Prozent der unter 34-Jährigen beim ersten Wahlgang am 9. Juni zu Hause; für den zweiten Durchgang rechnen die Wahlforscher mit ähnlichen Daten.

Diese "erschreckenden Zahlen" zeigten, dass die politischen Parteien in Frankreich bei jungen Leuten immer weniger Rückhalt hätten, sagt Frankreich-Experte Joachim Schild von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Dabei seien die französischen Jugendlichen durchaus nicht unpolitisch, wie die Massendemonstrationen nach dem Erfolg des Rechtsextremen Jen-Marie Le Pen bei der Präsidentschaftswahl im April gezeigt hätten. "Doch den Parteien gelingt es nicht, sie anzusprechen." Deshalb sei die Protestbewegung vom April nun "wie ein Soufflé in sich zusammengesunken".

"Entfremdung zwischen Bürgern und Politikern"

Für Henrik Uterwedde vom deutsch-französischen Institut in Ludwigsburg zeigt der Wahlboykott die "zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und Politikern", die zu einer wachsenden Politikverdrossenheit führe. Die Franzosen fühlten sich zunehmend von den Parteien im Stich gelassen. Hinzu komme die Polarisierung durch das Mehrheitswahlsystem, das kleinen Parteien wenig Chancen einräumt.

Experte: Viele Le Pen-Wähler blieben zu Hause

"In zahlreichen Wahlreisen gab es im zweiten Durchgang nur noch die Alternative zwischen einem Neogaullisten und einem Sozialisten." Viele Wähler etwa der Grünen, Trotzkisten oder auch Rechtsradikalen hätten unter diesen Umständen lieber ganz verzichtet. "Von den 5,5 Millionen Franzosen etwa, die bei der Präsidentschaftswahl dem Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen ihre Stimme gaben, blieben am Sonntag viele zu Hause", sagt Uterwedde. Nicht umsonst sei die Wahlbeteiligung in FN-Hochburgen besonders niedrig gewesen.

In Frankreich führten Kommentatoren den Negativrekord vor allem auf die Enttäuschung der linken Wählerschaft zurück. Der Sozialistischen Partei (PS) und ihren Partnern im früheren rot-grünen Regierungsbündnis sei es nicht gelungen, ihre Anhänger zu motivieren, kommentierte am Montag die konservative Tageszeitung "Le Figaro". Die Appelle der PS, für ein Gleichgewicht zu sorgen und eine allzu erdrückende konservative Mehrheit im Parlament zu verhindern, seien nicht gehört worden, schrieb auch die linksgerichtete "Liberation". Viele Wähler hätten offenbar ganz einfach resigniert, weil in ihren Augen "ohnehin schon alles gelaufen war", sagt Uterwedde. Das Ergebnis sei daher für die Konservativen kein Grund zum Triumph. "Sie haben einen klaren Sieg errungen, aber keinen strahlenden Sieg."(APA)

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