Sozialmediziner Michael Kunze über die Medizin der Zukunft

24. Juni 2002, 12:36
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Welche Chancen und Perspektiven uns die Medizin der allernächsten Zukunft eröffnet, beantwortet Sozialmediziner Prof. Michael Kunze im Interview mit mymed.cc.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Professor Kunze, die Fortschritte in der Stammzellenforschung und Genetik wecken Hoffnungen auf eine Verlängerung der Lebensspanne und neue Therapien bisher unheilbarer Krankheiten. Wie berechtigt sind diese Hoffnungen?

Kunze: In diesem Zusammenhang stelle ich gerne die provozierende Frage: Betreiben wir nicht zuviel Grundlagenforschung? Es geht doch vielmehr darum, die bisher gewonnenen Erkenntnisse in der Medizin effektiv umzusetzen und möglichst vielen Menschen zugute kommen zu lassen. Da grübeln wir über die Stammzellenforschung, die möglicherweise erst in ein paar Jahrzehnten konkrete Erfolge zeigen wird, und inzwischen sterben die Leute, weil sie keinen ausreichenden Impfschutz vor Erregern wie Influenza und Pneumokokken haben.

Mymed: In welche Richtung sollte sich Ihrer Meinung nach die Medizin der Zukunft entwickeln?

Kunze: In erster Linie geht es um strukturelle Verbesserungen im Gesundheitssystem, die eine gewaltige politische Anstrengung erfordern. Da muss das System aus niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern zu einer sinnvollen Ergänzung und ökonomischen Einheit zusammengeführt werden. Wie das gehen soll, weiß ich noch nicht, aber möglicherweise mittels gegenseitiger Beteiligungen. Derzeit ist es ja noch so, dass Patienten möglichst schnell in ein Krankenhaus eingewiesen werden, was das Gesundheitsbudget enorm belastet.

Mymed: Stichwort Lifestylemedizin - welche Rezepte sind zukunftsweisend?

Kunze: Derzeit gibt es auch in der sogenannten Lebensstilmedizin keine funktionierenden Strukturen. Für die Behandlung weit verbreiteter Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht sind Langzeitkonzepte gefragt. Ich könnte mir vorstellen, darin auch die Hotellerie und Gastronomie einzubinden und zum Beispiel Wochenendaufenthalte inklusive Ernährungsberatung zu verordnen.

Mymed: Viele Menschen setzen große Hoffnungen auf die High-Tech-Medizin. Werden künstliche Organe und Xenotransplantate unser Leben verlängern können?

Kunze: Tatsächlich sind in diesen Bereichen ebenso wie in der Diagnostik sehr große und spektakuläre Fortschritte gemacht worden. Das sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch sehr viele Probleme zu lösen, bis tierische Organe für den Menschen adaptiert werden können. Außerdem kann nur einem sehr kleinen Prozentsatz von Patienten mit Transplantationen geholfen werden. Vom Standpunkt der Volksgesundheit sind diese Fortschritte daher wenig relevant. Auch gibt es Krankheiten, bei denen wir trotz jahrelanger Bemühungen keinen Schritt weitergekommen sind, wie zum Beispiel beim Bronchuskarzinom oder beim Bauchspeicheldrüsenkrebs. Warum manche Menschen länger als andere leben, hängt immer noch in erster Linie von ihrer genetischen Veranlagung ab.

Mymed: Wird die Alternativ- oder Komplementärmedizin in Zukunft eine große Rolle spielen?

Kunze: Ganz sicher, denn die Menschen wollen High-Tech-Medizin in Kombination mit Magie und uralten Weisheiten. Ich habe schon vor Jahren gepredigt, dass zum Beispiel das Rosenkranzbeten zur Sympathikuskontrolle beiträgt und daher bestens als Stresstherapie geeignet ist. Doch was hat's genutzt? Nach wie vor sind die Kirchen leer und die Ambulanzen voll. Dabei bräuchten wir uns gar nicht den fernöstlichen oder anderen exotischen Heilverfahren zuwenden. Unsere Kirche hat ihr Heil-Potential noch lange nicht ausgeschöpft.

Mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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