Kinderliteratur am Abstellgleis

17. Juni 2002, 14:31
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Durch die Mediatisierung der Gesellschaft verliert ein Jahrhunderte alter Bestandteil des Kinderzimmers an Bedeutung: das Kinderbuch

Durch die Mediatisierung der Gesellschaft verliert ein Jahrhunderte alter Bestandteil des Kinderzimmers an Bedeutung: das Kinderbuch. Zu diesem Schluss kommen Christina Tsohohey und Heike Lettner in ihrer Arbeit "Kinderliteratur im Medienverbund", in der sie Ursachen und Auswirkungen dieser Entwicklung beleuchten.

Mediatisierung der Gesellschaft

Man könnte es so ausdrücken: Kindergeschichten sind beinahe so flügge geworden wie Calimero einst fast dem Ei entfloh, das Kinderbuch ist nicht mehr ihr Nest. Noch Anfang der 1960er Jahre hatten hierzulande kaum mehr als 1000 Haushalte ein Fernsehgerät - zu den beliebtesten Tätigkeiten gehörte damals "aus dem Fenster schauen". Die Kulturtechnik Lesen war damit lange Zeit der Schlüssel zum ersten Speichermedium im Leben eines Menschen. Durch die rasante technische Entwicklung steht den Kindern von heute eine Vielzahl von alternativen medialen Unterhaltungsangeboten zur Verfügung. Die Folge: "Nur noch sehr wenige Kinder lesen Geschichten in Büchern". Und: nur noch sehr wenige Eltern erzählen Geschichten.

Erst das Fernsehen, dann das Lesen lernen

Elektronische Unterhaltungsmedien sind dem Buch buchstäblich voraus: Seit Ihren Anfängen können Filme, Hörspiele, Comics - erinnert sei hier an Pinocchio oder Donald Duck aus den 1930er und 40er Jahren - und dergleichen ohne besondere Vorkenntnisse rezipiert werden. Entspricht die kognitive Anforderung einmal nicht den Fähigkeiten der kleinen KonsumentInnen, so machen andere Attribute wie etwa optische Reize das Medium attraktiv. Das spiegelt sich in den Statistiken zum Freizeitverhalten von Kindern: Bereits Mitte der 1980er Jahre verbrachten US-amerikanische Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren durchschnittlich vier Stunden täglich vor dem Fernsehgerät, wie Bischof und Heidtmann in ihrem 1999 erschienenen Werk "Kinder lieben Serien" dargestellt haben. Diese Entwicklung hat sich durch die Herstellung von multimedialen und interaktiven Unterhaltungsangeboten verschärft.

Multimedial aufbereitete Geschichten und ihre "Vorteile"

Die Unterschiede zur Geschichte in einem herkömmlichen Buch entsprechen jenem Zeitgeist, welchen Peter Glotz unter dem Etikett "beschleunigte Gesellschaft" zusammengefasst hat. Für elektronische Medien sprechen eine kürzere Erzählzeit, die freie und ungestörte Verfügbarkeit von Kassetten und CD's, und die Möglichkeit, gleichzeitig etwas anderes zu machen (spielen, malen, Hausaufgaben). Die Vorteile von Erzählserien, welche beispielsweise bei "Winnetou" bereits in Buchform genutzt werden konnten, lassen sich bei den bewegten Bildern - wie es etwa Thomas Brezinas Dauerbrenner in unterschiedlichsten medialen Erscheinungsformen, Tom Turbo, oder auch jüngst die japanischen Kreaturen namens Pokèmon zeigten - sowohl hinsichtlich des psychologischen Nutzens bei den KonsumentInnen als auch der Produktionskosten optimieren. Darüber hinaus ist etwa dem "Familienmedium" Fernsehen die Offensichtlichkeit des sozialen Rückzugs, welche beim Lesen noch gegeben ist, abhanden gekommen.

Mediale Verbundsysteme - umfassende Absatzmöglichkeiten

Phantasiewelten benötigen Sinnzusammenhänge, damit Kinder sich in ihnen orientieren können. Spielwarenhersteller weisen daher mit Hilfe von Zeichentrickfilm, Hörspiel und Computerspiel ihren Figuren Charaktereigenschaften zu und liefern dramaturgische Spielvorlagen. Umgekehrt lassen sich filmische Erfolge durch den Absatz dieser flankierenden Produkte fortführen und wirtschaftlich optimieren. Solche Medienverbundsysteme - als klassische Beispiele gelten etwa Ruth Handlers unerwartete Barbie-Lawine seit 1959 oder He-Man - sind in der Lage, mit ihrer Produktvielfalt alle menschlichen Sinne anzusprechen. Heute gehören derartige Begleitsujets zum Alltag.

Wohin mit der Kinderliteratur?

Kinderliteratur hatte seit jeher ein Positionierungsproblem: um kindgerecht zu sein, war es lange Zeit unmöglich, jenen Kriterien zu entsprechen, welche sie als literarisch wertvoll auszeichnen. Erst in den 1970er Jahren begann sich Kinder- und Jugendliteratur in den Zeitungsfeuilletons zu etablieren. In weiterer Folge war und ist sie stets bemüht, den Gesetzen medialer Verbundsysteme zu gehorchen: Die Autorinnen der vorliegenden Arbeit stellen in Einklang mit Heidtmann eine starke Tendenz zur Serienbildung sowie eine Verflachung und Formatierung der Inhalte fest . Im Sinne des Riepl'schen Gesetzes von der Koexistenz alter und neuer Medien wird Kinderliteratur hinkünftig wohl nur eine ergänzende Rolle spielen im Konzert der multimedialen Unterhaltung, wie Heike Lettner und Christina Tsohohey in Ihrer Arbeit "Kinderliteratur im Medienverbund" (einer Proseminararbeit aus der Pädagogischen Psychologie) konzedieren - nachzulesen bei mnemopol.net.

Über die Autorinnen:

Heike Lettner (geb. 1976) ist seit 1994 Studentin der Psychologie mit Schwerpunkt Kriminalpsychologie an der Universität Wien. Seit Jänner 2001 schreibt sie an einer Diplomarbeit mit dem Titel "Die Arbeitszufriedenheit von Psychologen im Strafvollzug in Österreich" (klinischer Bereich). Im Jahr 2000 absolvierte sie ein Praktikum in der JA Favoriten. Lettner ist bei der Verlagsgruppe News/Mediaprint beschäftigt.

Christina Tsohohey (geb. 1976) ist seit 1994 Studentin der Psychologie an der Universität Wien. Ihre Forschungs- Schwerpunkte liegen in der Ökopsychologie und der Wirtschafts- Psychologie. Seit Anfang 2002 ist sie im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit dem Thema Landschaftsästhetik beschäftigt. Neben dem Studium arbeitete Tsohohey unter anderem bei Henkel Österreich (Bereich Key Account Management), im Wiener Wilhelminenspital (Bereich Psychologie, Personalentwicklung und Organisations- Psychologie), und seit 1994 bei Institut Keil und Verein Komit in der Betreuung von cerebral bewegungs- beeinträchtigten und mehrfachbehinderten Menschen sowie im behinderten- therapeutischen Reiten.

Rezension von Georg Greif
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    Von Astrid Lindgren zu den Teletubbies

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