Der Schreibtischtäter

17. Juni 2002, 14:13
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Der Österreicher Dr. Erich Rajakowitsch war 1942 maßgeblich an der Deportation von niederländischen Juden nach Auschwitz beteiligt

Der Österreicher Dr. Erich Rajakowitsch war 1942 maßgeblich an der Deportation von niederländischen Juden nach Auschwitz beteiligt. Erst 20 Jahre nach Kriegsende wurde er verurteilt - zu einer Haftstrafe von 2 1/2 Jahren. Aufgearbeitet wurden die Protokolle des damals heftig kritisierten Urteils in der Seminararbeit von Stephan Rutkowski.

Ein Anwalt aus Graz

Rajakowitsch (Jahrgang 1905) war in den 30er Jahren als Konzipient und Rechtsanwalt in Graz und Wien tätig und trat gleich nach dem Anschluss in die NSDAP ein. Er und der Rechtsanwalt Dr. Heinrich Gallop entwickelten das Modell "Arisierung gegen Auswanderung", das bald im ganzen 3. Reich angewendet werden sollte, und war damit gleich nach dem Anschluss ein maßgeblicher Mitgestalter des ausufernden Antisemitismus. 1939 trat Rajakowitsch freiwillig der SS bei und wurde bereits 1940 dank enger Beziehungen zu Adolf Eichmann in höhere Positionen nach Berlin und Prag versetzt. Unter anderem sollte er den Madagaskar-Plan ausarbeiten, der vorsah, alle Juden aus dem 3. Reich nach Madagaskar zu deportieren.

Auschwitz statt Madagaskar

Nachdem im Frühjahr 1941 bei der Wannsee-Konferenz die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde, war der Madagaskar-Plan obsolet geworden. Schließlich wurde Rajakowitsch 1942 in die Niederlande versetzt. Dort war er im Referat II B beschäftigt, übernahm aber als stellvetretender Leiter auch das Referat IV B 4, dass die Deportation von Juden und Jüdinnen in den Osten organisierte. So auch an jenem 12. August 1942, mit dem sich die Justiz Jahrzehnte später befassen sollte. An diesem Tag setzte Rajakowitsch ein Fernschreiben auf, in dem er den Befehlshaber der Sicherheitspolizei von Paris aufforderte, die dort befindlichen Juden niederländischer Staatsangehörigkeit nach Auschwitz zu "evakuieren".

Dr. Rajakowitschs Telegramm nach Frankreich

Zuvor waren ausländische Juden in Frankreich noch vor Deportationen weitgehend verschont geblieben. Es hatten nur verhältnismäßig wenige Juden aus den Niederlanden die Flucht nach Frankreich geschafft, denn der Blitzkrieg hatte ihnen binnen kürzester Zeit den Weg versperrt. Die, denen es trotzdem gelungen war, hatten nun einen besonderen rechtlichen Status, da ausländische Staatsbürger nicht deportiert werden durften. Wie Dokumente des auswärtigen Amtes zeigen, war die Angelegenheit aber noch nicht geklärt, als Rajakowitsch mit besagtem Fernschreiben der bis dato relativ günstigen Lage der niederländischen Juden in Frankreich ein Ende setzte. Hunderte dieser Menschen wurden in den folgenden Monaten nach Auschwitz deportiert.

Der Prozess

Der Prozess gegen Rajakowitsch im Jahre 1965 steht im Mittelpunkt der Arbeit. Rutkowski beschreibt anhand der Gerichtsprotokolle, wie das Nachkriegsjustiz mit dem Fall umging und wie schwierig es war, Rajakowitsch zumindest eine Mitschuld nachzuweisen. Bemerkenswert ist auch die Beharrlichkeit mit dem Rajakowitsch seine Verurteilung zu letztendlich 2 ½ Jahren schweren Kerkers bekämpfte. Bis ins Jahr 1985 reichen die Versuche den Prozess wieder neu aufzurollen.

Rajakowitschs Geschichte steht wohl stellvertretend für viele, und zeigt wie leicht die anonyme Bürokratie, Massenmord zum Alltag werden lässt. Für jedeN historisch InteressierteN gibt die Arbeit einen Einblick in die komplizierten juristischen Abläufe und Winkelzüge, die zum dubiosen Ausgang des beschriebenen Prozesses geführt haben.

Den Volltext der Arbeit finden Sie im Archiv von mnemopol.net.

Stephan Rutkowski, geb. 1977, ist Student der Geschichte und Ethnologie an der Universität Wien, Bezieher eines Leistungsstipendiums der Universität Wien und eines Stipendiums des akademischen Senats aus den Stiftungsgeldern und dem Sondervermögen der Universität Wien; Neben seiner Tutorentätigkeit war er als Freelancer Organisator der "Menschenrechtswoche" der ÖH und Amnesty International und hat als administrativer und organisatorischer Mitarbeiter bei Konferenzen des IWM, und der Appeal of Conscience Foundation sowie als Intern am European Training and Research Centre for Human Rights and Democracy gearbeitet.

Rezension von Thomas Müller
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