Ephebe und Vater: Das Emanzipationsverhältnis des jungen Goethe zu Shakespeare

17. Juni 2002, 14:16
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Die Theorie des "misreading", angewandt auf zwei literarische "Giganten" und einen Einflussweg

Der Einfluss Shakespeares auf Goethe ist in der Forschung unumstritten und wurde in zahlreichen Gegenüberstellungen der beiden "Giganten" ausgeschlachtet. Die moderne Literaturwissenschaft ist der Meinung, dass Shakespeares Werk von den Vertretern des Sturm und Drang "falsch" rezipiert worden wäre. Saskia Ruprecht greift dies in ihrer Seminararbeit "Ephebe und Vater" auf und wendet Harold Blooms Theorie des "misreading" (Fehllesens) auf Goethes frühe Schriften an.

Harold Blooms "misreading"

Grundlage Blooms Theorie ist, dass jedes Lesen Fehllesen ist und sich "starke Dichter" (strong poets) "gerade dadurch auszeichnen, auf der Basis der Fehlrezeption eines Vorgängers (precursor) ihre eigene Kreativität aufzubauen". Obwohl sich Bloom in erster Linie auf lyrische Werke seit der Romantik bezieht, sind nach Ruprecht seine grundlegenden psychoanalytischen Gedankengänge auch allgemein anwendbar.

Rede zum Shakespeare-Tag 1771

Ruprecht analysiert anhand der 1771 vom 22jährigen Goethe gehaltenen Rede anlässlich der ersten deutschen Shakespeare-Feier, den Abnabelungsprozess des jungen Goethe von Shakespeare. Ein wichtiges Moment ist nach Bloom dabei "the crossing of solipsism", der "Übergang von der Verleugnung zur Verdrängung des Einflusses eines übermächtigen Vorgängers".

Beginn der Abwehrposition

Der Ephebe (Goethe), der zu seiner "übermächtigen Vaterfigur" (Shakespeare) zunächst in einem ödipalen Verhältnis steht, nimmt zunehmend eine Abwehrposition ein. Genau in diesem Stadium ist nach Ruprecht die Rede Goethes zu sehen: Der Kampf (Agon, in bloomscher Terminologie) gegen den Vorgänger ist noch nicht vollzogen, aber bereits angedeutet. Über eine Wanderer-Metaphorik stellt Goethe den Vergleich mit Shakespeare her und würdigt ihn als den größten Wanderer; zwischendurch wird die Unterlegenheitsempfindung aber durch die Herstellung eines Bezugs zwischen Shakespeares und seinem Talent modifiziert, wodurch die letzte Phase des dichterischen Kampfes (apophrades) als Wunschziel formuliert wird.

Deamonization

Eine weitere bloomsche Phase wird in Goethes Rede angedeutet: Das Ent-göttlichen des Vorgängers durch die Einordnung Shakespeares in einen literaturgeschichtlichen Kontext, wodurch dieser scheinbar nicht mehr völlig unerreichbar ist.

Elemente des misreading

In der Forschung wird allgemein auf zwei wichtige Elemente der Interpretation Shakespeares durch Goethe verwiesen: Natur und Freiheit. Das Vorbild ist der natur nachbildende Shakespeare; die Antithese zu beidem das französische Theater, von dem sich Goethe dichterisch befreit. In Goethes Werk "Götz von Berlichingen" , welches zur gleichen Zeit wie die Rede entstand, setzt er genau diese Elemente um: Für Ruprecht sind jedoch weniger die stilistische Parallelen, als vielmehr die Figurenkonzeption im Drama interessant:

Götz von Berlichingen

Götz wird hier als Dichter-Ich betrachtet, die anderen Figuren werden zu ihm in Relation gesetzt. Er ist der "ultimative Repräsentant" des Ritterstandes, hat aber seine Unversehrtheit durch das Werk seiner Feinde verloren, die ihm seine Hand abschlugen. Ebenso hat der "junge Dichter seine Illusion von Ursprünglichkeit durch die Kenntnisnahme eines literarischen Vaters" verloren, doch sind beide stark und kämpfen gegen diese Bewusstsein an. Der starke Dichter zeichnet sich durch Selbstherrlichkeit aus, so Bloom. Seine Größe kann nur dadurch entstehen. "Götz' erstes politisches Axiom" ist auch "Goethes erstes dichterisches Axiom", nämlich der Durst nach Freiheit. Demnach handelt das starke Ich "bei Bloom - und Goethe - eben nicht aus christlicher Nächstenliebe heraus, sondern aus dem Bedürfnis nach Behauptung des Egos", was nach Ruprecht von der Forschung oft missverstanden wurde.

Ruprechts Beitrag bietet eine neue spezifische psychoanalytische Sichtweise auf das Wirken von Shakespeare auf Goethe, nachzulesen auf mnemopol.net.

Saskia Ruprecht studiert Skandinavistik und Deutsche Philologie an der Universität Wien

Rezension von Jakob Calice
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