Schizophrenie sichtbar gemacht

19. Juni 2002, 19:18
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Austro-kanadisches Wissenschafterteam in Wien weist Beteiligung von Serotoninrezeptoren an der Krankheit nach

Wien - Ein austro-kanadisches Wissenschafterteam unter Führung von Univ.-Prof. Dr. Johannes Tauscher, leitenden Oberarzt der Ambulanz der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, gelang nun erstmals der Nachweis, dass an der Schizophrenie offenbar auch Veränderungen an spezifischen Serotonin-1A-Rezeptoren beteiligt sind. In Bildern mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) von 14 Patienten konnten die Experten im Vergleich zu Gesunden eine Erhöhung der Zahl der Rezeptoren um bis zu 20 Prozent nachweisen.

Dopamin und Serotonin

"Schizophrenie ist eine chronische Erkrankung, an der weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung leiden. Bisher dachte man, dass den Krankheitssymptomen der Schizophrenie vorwiegend eine Störung im Dopaminsystem - einem Botenstoff zwischen Gehirnzellen - zu Grunde liegt", erklärte Tauscher.

Doch neben dem Nervenbotenstoff Dopamin dürfte auch die zweite im Nervensystem wichtige Botensubstanz Serotonin eine Rolle spielen. Der Wissenschafter: "Wir konnten mittels Positronen Emissionstomographie nachweisen, dass Schizophrenie-Patienten im Vergleich zu Gesunden vermehrt Serotonin-1A Rezeptoren haben."

Zweifelsfreier Nachweis

Damit konnte zum ersten Mal eine Veränderung des so genannten serotonergen Systems bei Schizophrenie zweifelsfrei nachgewiesen werden. Zu verdanken ist das der Beherrschung der PET-Methode. Mit ihr können Stoffwechselvorgänge im Gehirn praktisch "online" sichtbar gemacht werden. Dabei werden Moleküle extem schwach und kurzfristig radioaktiv markiert, dem Probanden injiziert und schließlich deren Aufnahme im untersuchten Organ über die Zeit verfolgt bzw. die Verteilung festgehalten.

Tauscher: "Insgesamt zeigte sich bei den Schizophrenie-Patienten eine Erhöhung der Dichte der Serotonin-1A-Rezeptoren um weniger als zehn Prozent. Doch in bestimmten Gehirnregionen - den so genannten Temporrallappen - zeigte sich im Vergleich zu Nicht-Schizophrenen eine Erhöhung der Dichte um rund 20 Prozent." Das heißt, dass bei diesen Personen das Serotonin mehr Bindungs- und somit auch Wirkungsstellen vorfindet.

Medikation

Die Erkenntnisse der Wiener Wissenschafter sind wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass erst in den vergangenen Jahren entwickelte neue Medikamente zur Behandlung der Schizophrenie besser als ehemals benutzte wirken. Der Psychiater: "Daher sollten zur medikamentösen Behandlung der Schizophrenie in erster Linie so genannte atypische neuere Antipsychotika eingesetzt werden, die neben dem Dopamin- auch den Serotoninhaushalt im Gehirn normalisieren."

Die Untersuchung wurde an der University of Toronto (Kanada) in Kooperation mit der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH durchgeführt. Resultate dieser vom Österreichischen FWF geförderten Studie wurden vor kurzem in dem renommierten internationalen Fachjournal "Archives of General Psychiatry" publiziert. (APA)

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