Urteile im Herbst erwartet

18. Juni 2002, 12:48
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Zwei Millionen Euro - Fehlende Bewilligung

Kaprun - Ein geschockter Landeshauptmann Franz Schausberger muss am 11. November 2000 kurz nach Mittag in Kaprun bekannt geben, dass es keine Überlebenden mehr gibt. Das Unvorstellbare ist offiziell: 155 Menschen kamen beim Brand einer Zuggarnitur der Stollenbahn auf das Kitzsteinhorn ums Leben. Die meisten von ihnen erstickten an den Rauchgasen. Es ist das größte Brandunglück in der Geschichte der Zweiten Republik. Österreich trauert.

Erst nach der aufwändigen Bergung der ausgebrannten Unglücksgarnitur "Kitzsteingams" und monatelanger Arbeit der technischen Sachverständigen, die sich vor allem auf den Vergleich mit dem intakten zweiten Waggon - dem "Gletscherdrachen" - stützten, glaubt man die Ursache für das Inferno im Tunnel gefunden zu haben: Im Heizlüfter des talseitigen Führerstandes hat sich die Glühwendel überhitzt und Hydrauliköl entzündet, das aus undichten Anschlüssen in der Nähe des Heizgerätes ausgetreten war.

Die Kaminwirkung im Stollen fachte den Brand zusätzlich an. Die giftigen Rauchgase zogen rasch nach oben, sodass auch zwei Menschen im talwärts fahrenden zweiten Zug erstickten. Eine von Hand aufgedrückte Brandschutztür machte den Weg für den Rauch auch ins Innere der Bergstation frei, dort starben drei Menschen.

Urteile im Herbst

Auf diese Kausalkette der Gutachten bezieht sich auch die Anklage der Staatsanwaltschaft bei dem am Dienstag mit 16 Beschuldigten beginnenden Strafverfahren. Der Prozess wurde vom Vorsitzenden Richter Manfred Seiss vorerst - mit einer Sommerpause - bis Ende September anberaumt.

Bisher haben sich rund 300 Angehörige von Opfern dem Verfahren angeschlossen. Und täglich können es mehr werden, denn die Anmeldung als Privatbeteiligte ist laut Richter Seiss völlig unkompliziert. Aufgrund des zu erwartenden Ansturms hat das Landesgericht Salzburg bereits den rund 300 Menschen fassenden Kolpingsaal angemietet. Eng wird es trotzdem, da sich einige Angehörige nicht mit der angebotenen Videoübertragung in einen Nebenraum begnügen wollen. Die Stadt Salzburg hat wiederum rund um den für das Verfahren adaptierten Saal eine eigene Verkehrsregelung erlassen.

Zwei Millionen Euro Der Präsident des Salzburger Landesgerichtes, Walter Grafinger, schätzt die Verfahrenskosten auf rund zwei Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft vertritt in dem Verfahren wegen fahrlässigen Herbeiführens einer Feuersbrunst und fahrlässigen Herbeiführens einer Gemeingefahr die Ansicht, dass der brandauslösende Heizstrahler laut Gebrauchsanleitung nicht für den Einbau in Fahrzeugen geeignet gewesen sei.

Dies hätten sowohl die zwei angeklagten Techniker der Firma Swoboda, welche den Strahler montierten, als auch die drei Mitarbeiter der Firma Mannesmann-Rexroth zu verantworten. Die von Rexroth montierten Hydraulikleitungen lagen an der Rückwand des defekten Gerätes.

Drei Mitarbeitern der Gletscherbahnen wird "sorgfaltswidriges Verhalten" vorgeworfen. Sie hätten die Heizlüfter nicht gewartet und die talseitigen Geräte nicht einmal kontrolliert, als die bergseitigen wegen defekter Motoren wenige Monate vor der Katastrophe ausgetauscht wurden. Wären diese Strahler damals kontrolliert worden, wäre das Inferno laut Justiz zu verhindern gewesen.

Neben Erzeugerfirmen und Betreibern müssen noch drei Beamte für die erteilte eisenbahnrechtliche Betriebsbewilligung sowie zwei Inspektoren des TÜV vor Gericht. Auch drei Personen, die für die defekte Brandschutztür in der Bergstation verantwortlich sein sollen, sitzen auf der Anklagebank.

Fehlende Bewilligung

Geklärt werden muss zudem noch, ob die Bahn überhaupt hätte fahren dürfen. Ein Hinterbliebenenanwalt meint, dass die Bahn wegen einer fehlenden Bauvollendungsanzeige für das Alpincenter nicht hätte fahren dürfen, da das Alpincenter der "Bahnhof" der Standseilbahn war.

Trotz der komplizierten Materie und der Dimension des Verfahrens will Einzelrichter Seiss noch heuer die Urteile verkünden. Die juristische Auseinandersetzung um das Unglück am Kitzsteinhorn ist damit freilich noch nicht vorbei. Neben der strafrechtlichen Seite kommen auch zivilrechtliche Forderungen zum Tragen.

Die Deckungssumme der Betriebshaftpflichtversicherung der Gletscherbahnen AG von über 23 Millionen Euro dürfte zwar ausreichen, im Fall einer oder mehrerer Verurteilungen kann die Generali-Versicherung aber versuchen, Teile der ausbezahlten Geldsumme bei anderen Firmen einzufordern. (DER STANDARD, Print, 15.6.2002)

Thomas Neuhold
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