Konkurs: Libro schlägt die Bücher zu

17. Juni 2002, 17:58
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Drittgrößte Pleite der österreichischen Wirtschaftsgeschichte - Amadeus kommt unter den Hammer

Wien - Nicht einmal im heimischen Buchhandel, der jahrelang verbissen gegen den preis-aggressiven Marktführer und Gegner der Buchpreisbindung gekämpft hat, kommt über die Libro-Pleite Freude auf. "Da geht es schließlich um mehr als 2000 Beschäftigte. Und der Buchhandel wird kaum profitieren, weil Libro und Amadeus Zusatzmärkte mit einem ganz anderen Zielpublikum bedienen", so Erwin Riedesser, Vizepräsident des österreichischen Buchhandelsverbandes. Den größten Verlust würde der Konkurs für die großen deutschen Verlage bedeuten, die eine ihrer wichtigsten Vertriebsschienen in Österreich verlieren.

Rascher Verkauf

Sämtliche Entscheidungen, wie es mit den 242 Libro- und 22 Amadeus-Standorten, den 2370 Mitarbeitern oder den Schadenersatzforderungen gegen den früheren Libro-Chef André Rettberg weitergeht, trifft nun Masseverwalter Günther Viehböck, Bruder des "Austronauten" Franz Viehböck. Damit in der schwierigen Fortführungsfrage so viel als möglich auf dem Boden der Realität bleibt, hat das Konkursgericht in Wiener Neustadt einen sechsköpfigen Gläubigerausschuss bestellt, der Viehböck unterstützt.

Um für die Konkursmasse überhaupt Geld hereinzubekommen, Zeit für die Verwertung der Libro-Filialen zu gewinnen und vor allem das lukrative Schulgeschäft abwickeln zu können, rechnet Libro-Chef Werner Steinbauer mit einem raschen Verkauf der Nobelschiene Amadeus (546 Beschäftigte).

Interessenten

Zu den diversen Interessenten zählt etwa Ludwig Scharinger, Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Amadeus soll zehn bis 15 Mio. Euro wert sein. Der von Brancheninsidern immer wieder ins Spiel gebrachte Oberösterreichische Landesverlag, der Amadeus erst 1997 an Libro verkaufte, winkt hingegen ab. "Weder der Landesverlag noch ich als Privatperson noch Hr. Diekmann von der Passauer Verlagsgruppe (Mehrheitseigner des OÖ Landesverlages, Anm.) wollen Amadeus übernehmen. Das ist nicht unser Kerngeschäft", sagte Landesverlagholding-Chefin Eveline Pupeter-Fellner. Der Welser Papier- und Bürowarenhändler Anton Stahrlinger (PBS Austria) soll sich für Libro, nicht aber für Amadeus interessieren.

Alexander Klikovits vom Kreditschutzverband (KSV), geht von 430 Mio. Euro Passiva bei Libro aus. Schon beim Ausgleich vor einem Jahr seien 300 Mio. Euro Forderungen angemeldet worden, nun kämen etwa die teuren Beendigungsansprüche der Mitarbeiter (z. B. Abfertigungen) dazu. Wie hoch die tatsächliche Überschuldung von Libro ist, wird erst ermittelt und in einen Statusbericht einfließen.

Zeitliches Prozedere

Zum weiteren zeitlichen Prozedere: Schon am kommenden Freitag wird die erste Sitzung des Gläubigerausschusses stattfinden. Anmeldefrist für Gläubigerforderungen ist der 14. August 2002. Die Berichts- und Prüfungs 6. Spalte tagsatzung wird am 5. September 2002 stattfinden.

Letzter Auslöser des Konkurses waren die am Montag endgültig gescheiterten Übernahmeverhandlungen zwischen den Gläubigerbanken und der Donau Design GmbH von Franz Georg Stern. Die preislichen Vorstellungen beider Seiten lagen zuletzt rund 20 Mio. Euro auseinander. In neuerliche Finanznot war Libro, im Jahr 1978 von "Mister Billa" Karl Wlaschek als "Librodiskont" gegründet, aber schon im März dieses Jahres geraten. Die Lieferanten und im Gefolge die großen Gläubigerbanken gewährten keine neuen Kredite mehr.

Ein zweiter Ausgleich wäre nach Insolvenzrecht erst fünf Jahre nach dem ersten Ausgleich, also im Sommer 2006 möglich gewesen. So blieb nichts anderes als die Konkurseröffnung. Nun leben alle alten Ausgleichsforderungen wieder auf. Der Handel mit Libro-Aktien an der Wiener Börse, die zuletzt nach wilden spekulativen Auf- und Abwärtsbewegungen bei 21,90 Euro notierten, wurde bis auf weiteres ausgesetzt. (Michael Bachner/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2002)

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