Auf Resignation naht die Wende

30. Juni 2002, 22:05
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Das Schlimmste haben wir hinter uns - haben wir das Schlimmste hinter uns?- Gastkommentar von Michael Margules

Belastende Unternehmens-Nachrichten und eine anhaltende Vertrauenskrise haben den Aktienmärkten auch in der abgelaufenen Woche drastische Kursverluste beschert. So lange dieser Status Quo, nämlich Wirtschaftswachstum auf der einen und positiven Seite, aber andererseits und negativerweise keinerlei Vertrauen in den Aktienmarkt erhalten bleibt, werden nach wie vor gute Nachrichten von den Investoren kaum honoriert, schwache dagegen hart bestraft. Mehr und mehr greift aber fast schon eine Art von Kapitulationsstimmung auf dem seit geraumer Zeit allzu glitschigem Börsenparkett um sich. Dieses Phänomen führte im historischen Kontext stets zur Wiederholung der Geschichte: sobald nämlich selbst die hartgesottensten Verkäufer und Pessimisten resignieren, naht die Wende, mit steigenden Aktienkursen auf breiter Front. Und diesmal?

Klar ist, daß sich die Märkte in einem eindeutig überverkauften, und damit rein technisch attraktiven Zustand befinden. Klar ist aber auch, daß sich die Kurse nach wie vor in Relation zu den – mehr oder minder authentischen, aber zu viel Salz in die Wunden streuen ist auch unfair... - Unternehmensgewinnen nicht wirklich auf einen Niveau befinden, die zum Kauf einladen. Dies trotz einer seit nahezu fünf Jahren andauernden Seitwärtsbewegung an der Wallstreet, dem Zentrum des Finanzgeschehens, sowie dra- respektive traumatischen Kapitalvernichtung an der Nasdaq sowie an Europas Hauptbörsen – die peinlichen 93 Prozent Kursverlust am Neuen Markt vom Höchst im März 2000 inklusive der darauf lautenden Fonds sollte man vielleicht nicht einmal mehr für statistische Vergleiche zulassen -, sowie absolut unappetitlichen Aussichten bei der unmittelbaren "Konkurrenz", nämlich den Zinsen auf der Anleihen- und Geldmarktfront.

Ebenso klar erscheint ein Grundübel der aktuellen Börsenmisere. Unter dem Motto "die Geister, die ich rief, werd‘ ich nicht mehr los" sorgt die durch das Internet ausgelöste industrielle Revolution der nahezu schon vollkommenen Information zum nachhaltigen Vorteil der Verbraucher für immer weitergehenden Druck auf die Gewinnmargen der Unternehmen und damit deren Aktienkurse. Hinzu kommen anders als in früheren Börsezeiten die mittlerweile beträchtlichen Hedge-Funds-Volumina mit ihrer im Moment trendverstärkenden Spekulation à la baisse. Dies wird sich natürlich im gegenteiligen Falle, also einer dem Erinnerungsvermögen beinahe schon abhanden gekommenen Hausse, dementsprechend positiv auswirken. Doch bis dahin dürfte noch einige Zeit verstreichen.

Nachlese

--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

Da Michael Margules auf Urlaub ist, erscheint der nächste Börsenblick am Montag, dem 1.7. 2002.

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