Analyse: "Die Linke hat Chirac einfach unterschätzt"

17. Juni 2002, 09:28
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Warum hat die französische Linke bei den Wahlgängen der vergangenen Monate derart verheerende Schlappen einstecken müssen? Der Pariser Politologe Pascal Perrineau ortet ein ganzes Bündel von Ursachen

Die Gründe für das Scheitern der französischen Linken lassen sich in zwei Kategorien aufteilen, meint Pascal Perrineau vom Pariser Studienzentrum für das politische Leben in Frankreich (Cevipof) im Gespräch mit dem STANDARD: In "konjunkturelle", das sind solche, die die abgewählte Regierung von Lionel Jospin betreffen, sowie strukturelle, bei denen es um "linke Identität" in einem tieferen Sinn geht.

Zu den konjunkturellen Problemen: "Es hat ein Problem Jospin gegeben. Jospin war nie ein Mann des Volkes. Seine charakterliche Starrheit hat ihn immer daran gehindert, auf einer affektiven Ebene, auf einer Ebene des Gefühls an den Wähler heranzukommen." Zusätzlich hatte die Linke Programm-Probleme: "Sie hatte eine honette Bilanz vorzuweisen, aber kein Projekt." Gerade dieser Widerspruch zwischen respektabler Vergangenheit und mangelnden Zukunftsvisionen sei schädlich gewesen. Und drittens: "Die Arroganz, die gegenüber Jacques Chirac an den Tag gelegt wurde. Die Sozialisten waren überzeugt, dass sie mit Jospin den besseren Kandidaten haben. Sie haben Chirac einfach unterschätzt".

Tiefere Sinnkrise

Über diese Faktoren hinaus sei die französische Linke freilich von einer tieferen Sinnkrise erfasst, meint Perrineau, der sich vor allem als Spezialist für den rechtsextremen Front National einen Namen gemacht hat. Sie schwanke - darin der österreichischen Sozialdemokratie nicht unähnlich - zwischen einer "archaischen" und einer modernen Strömung, habe es aber, anders als Labour unter Tony Blair oder die SPD unter Gerhard Schröder, nie verstanden, eine klare Entscheidung für die eine oder die andere Richtung zu treffen. "Die Frage, was ,Sozialismus' zu Beginn des 21. Jhds. bedeutet, steht unbeantwortet im Raum." Unter Mitterrand habe der Begriff Sozialismus noch einen klaren Inhalt gehabt: Die Verstaatlichung fiel darunter oder der Ausbau des Sozialstaats. Jetzt, wo es darum gehe, die Gesellschaft zu modernisieren, mangle es an Konzepten.

Hat diese Sinnkrise nur die Sozialisten erfasst oder auch Grüne und Kommunisten? "Bei den Grünen und Kommunisten ist es noch viel schlimmer. Darum sind sie auch von den Wählern so abgestraft worden. Die Kommunisten sind überhaupt außerstande, die Zeichen der Zeit zu deuten. Aber auch nach einem Regierungsgrünen wie Joschka Fischer suchen Sie in Frankreich vergeblich."

Wie steht das Versagen der Linken im Verhältnis zum - temporären (?) - Aufschwung der extremen Rechten in Frankreich? "Es gibt, so wie in Österreich SPÖ-Wähler zur FPÖ übergelaufen sind, auch in Frankreich viele Linke und viele von der extremen Linken, die Le Pen gewählt haben, vor allem Arbeitslose und Leute mit einem sehr geringen Einkommen. Wenn Sie so wollen, könnte man sie als soziologisch links und ideologisch rechts bezeichnen."

Hat die Linke eine Chance, sich zu konsolidieren, wenn sie vermehrt auf Themen wie "Sicherheit" setzt? "Da kommen ihre Versuche wohl zu spät, und sie ist unglaubwürdig. Der Einzige, der auf der Linken glaubwürdig einen Sicherheitskurs vertreten konnte, war Jean-Pierre Chevènement. Aber der ist ja kein Linker mehr." Anstrengungen der Sozialisten, sich in einem geänderten Umfeld neu zu definieren, hat Perrineau noch nicht geortet: "Aber nach diesem Sonntag werden sie unweigerlich kommen müssen." (DER STANDARD, Print, 17.6.2002)

Christoph Winder aus Paris
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