Abgehoben und ratlos

16. Juni 2002, 19:46
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Der Segen des MP3-Players - Von Michael Moravec

Wer bisher immer mit einem halben Koffer voller CDs in den Urlaub gefahren ist, kann ermessen, welcher Segen die Erfindung des MP3-Players ist: Statt unzähliger Scheiben nur ein Gerät, so groß wie eine Zigarettenpackung, mit einem Fassungsvermögen, für das einige Schrankkoffer notwendig gewesen wären. Diesen angenehmen technischen Fortschritt will die Musikindustrie nun ungeschehen machen - die großen Konzerne wie Sony, BMG, Warner, Universal und EMI statten ihre neuesten CDs mit einem Kopierschutz aus: Auf Personal Computern können die Scheiben nicht abgespielt werden, folglich gibt es auch keine Umwandlung auf das MP3-Format und keine Überspielung auf den MP3-Player. So nebenbei sind diese CDs auch auf so mancher Autoanlage nicht abspielbar, weil da aus Platzgründen auch Computerlaufwerke verwendet werden.

Das Dilemma der Branche ist hinlänglich bekannt: Als MP3 können die Titel beliebig oft kopiert werden, Raubkopien überschwemmen via Internet (Napster) den Markt, verletzten das Urheberrecht und schädigen die Konzerne. Keine Frage, dass hier Handlungsbedarf besteht - besonders wenn auch weiterhin hochwertige Musik produziert werden soll.

Doch statt nach innovativen Geschäftsmodellen und sinnvollen technischen Neuerungen zu suchen, versuchen die Musikkonzerne einfach, abgehoben und ratlos die Zeit zurückzudrehen. Das wird kaum funktionieren. Der Kopierschutz ist ein klarer Eingriff in die persönlichen Rechte der Musikkonsumenten: Ob die legal erworbene CD nun mittels CD-Player oder als MP3 konsumiert wird, geht Sony & Co wirklich nichts an. Interessant wäre, ob Sony nun den Käufern der Sony-MP3-Player das Geld zurückgibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

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