Der Teufelskreis des Gottglaubens

16. Juni 2002, 19:28
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Uraufführungserfolg für Otto M. Zykans "Messe!" im Musikverein

Wien - In seiner vielfältigen Tätigkeit im Bereich der Werbung ist Otto M. Zykan, was das Erreichen spezifischer Zielgruppen anlangt, im Lauf der Jahre zum Scharfschützen geworden. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihm auch bei einer in Dingen der zeitgenössischen Musik ziemlich sperrigen Klientel wie dem Abonnementpublikum des Wiener Musikvereins mit der Uraufführung seiner Messe! ein veritabler Volltreffer gelungen ist.

Wer nun meint, das einstige Enfant terrible, das vor einem Vierteljahrhundert mit seiner Staatsoperette die Republik schockierte, habe nun als 67-jähriger Senior heimgefunden in den geräumigen Schoß der katholischen Kirche, irrt gewaltig. Wie schon vor ihm Franz Schubert lässt er diese Institution im Credo unerwähnt und lässt überhaupt offen, ob dieses Werk ein Dokument des Glaubens oder eines des Zweifels ist.

Als emotionales und auch spekulatives Gen dieser Messe! mag ein vergilbtes Blättchen gelten, das Zykan im Nachlass seiner Mutter fand. Von ihrer Hand stand darauf zu lesen: "Wenn Gott allwissend ist, wird er mich verstehen, dass ich nicht an ihn glauben kann. Wenn Gott aber barmherzig ist, wird er mir verzeihen!"

Gebrochener Messtext

Besser hat kein Philosoph und kein Kirchenvater den Teufelskreis des Gottglaubens ausgedrückt. Folgerichtig sind es diese beiden Sätze, die Zykan an der den Schlussteil einleitenden Schlüsselstelle seiner Messe! als einzigen Text der in ihrer schlichten Präsenz meisterlichen Interpretation des Solobaritons Wolfgang Holzmair überlässt.

Ansonsten bricht Zykan die lateinischen Messtexte durch deutschsprachige Einwürfe, die meist das Gegenteil des Behaupteten signalisieren. Singt die eine Abteilung des von Wolfgang Prinz bestens studierten zweigeteilten Singvereins "Kyrie", stellt die andere die provokante Frage: "Hat man euch je erhört?"

Alles, was da gesungen, geschrieen, skandiert und auch gestisch angedeutet wird, wirkt wie eine mit scharfem Intellekt zusammengestellte und in ihrer Einfachheit berührende Sammlung von Belegen für die Richtigkeit des mütterlichen Textes.

Bei der musikalischen Stützung dieser Belege enthält sich Zykan aller sich gerade gegenüber dem Musikvereinspublikum anbietenden anbiedernden Anleihen bei der nun allerorts grassierenden Neuen Freundlichkeit, sondern trägt seine Zweifel vielmehr mit wirksam dosierter klanglicher Härte vor.

Die Wiener Symphoniker und Rafael Frühbeck de Burgos als Dirigent haben sich mit Zykans zwischen Tonalität und Seriellem balancierendem Idiom so intensiv auseinander gesetzt, dass sie darin eine mühelose und überzeugende Eloquenz entwickelten. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

Von Peter Vujica
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