Schauermärchen der Ausgrenzung

20. Oktober 2002, 20:43
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Die Cerha/Turrini-Oper "Der Riese vom Steinfeld" in der Staatsoper

An der Staatsoper wurde die Cerha/Turrini-Oper "Der Riese vom Steinfeld" uraufgeführt. Man hört ein solides, glänzend interpretiertes Werk der klassischen Moderne - atmosphärisch stark, doch voll von etwas bremsenden Nebenfiguren. Viel Applaus, nur wenige Buhs.


Wien - Willkommen! Begrüßen wir den Eintritt der größten aller Opernfiguren in die Musiktheaterwelt - nach einer unproblematischen Geburt in der Entbindungsstation Wiener Staatsoper. Er ist ein sanftes, naives Geschöpf, dieser Riese vom Steinfeld, in dem eine Oper lang nichts als die Sehnsucht nach "Normalität", Zuneigung und Eskapismus waltet. Er ist ein guter Mensch, nur etwa zu groß.

Als geschmähtes und verschmähtes Objekt der sozialen Ausgrenzung mit starker Mutterbindung (solide Michelle Breedt) ist er auch musikalisch anders: eine Art verlorener Liedsänger, der - bis auf Momente des Aufbegehrens - lyrisch tönt, während um ihn herum im Parlando monologisiert oder auch nur gesprochen wird. Komponist Friedrich Cerha hat in die Riesenseele geschaut und einen Melancholiker gefunden, dessen Innenleben zumeist den Philharmonischen Streichern überantwortet wird und so akustische Bühnenschatten wirft. Überhaupt hat Cerha aus der Grundstimmung des Riesen die Werkatmosphäre herausentwickelt.

Es beginnt - während der Riese aus dem Bühnenboden aufsteigt - mit einem perkussiv sich langsam formenden polymetrischen Gebilde (mit dem es auch schließt) und mündet immer wieder in eine langsam dahinschwebende Streicherelegie, die dem Werk als schaurig-schöne Leitatmosphäre dient. Im Grunde entlässt Cerha musikalisch nicht aus der Seelenenge - die Klänge, die sich zuweilen dramatisch zu symphonischer Unruhe verdichten, bleiben unerbittlich schmerzhaft.

Da wir es hier indes mit einem surrealen Stationenmärchen zu tun haben, hat sich Cerha nicht nehmen lassen, auch die situativen Besonderheiten, in die der Riese gerät, der als Schauobjekt durch Europa stakst, auszukomponieren und Peter Turrinis mitunter skurrile Szenen zu illustrieren. Da singen sich die Diener von Kaiser Wilhelm mit einem "Hojotoho" ins Walkürenhafte; da liegen auch Militärmärsche auf Cerhas Seziertisch. Wenn der Riese etwa bei Königin Viktoria vorspricht, wird Edward Elgar bissig verarbeitet. Und wenn der X-large-Junge im Prager Getto landet, sind gezupfter Bass und Klarinette zugegen, um unplakativ Klezmer-Assoziationen auszulösen.

Die Besucher

Um den Riesen und seine von Anfang an präsente Geliebte - beide finden in einem wortlosen Koloraturen-Arioso zusammen - viel Musikloses: Das stört den Entwicklungsfluss, und das wiederum mag zusätzlich auch mit Turrinis Integration von Nebenfiguren zusammenhängen, die als ungebetene Gäste der Riesen-Geschichte wirken und reichlich monologisieren dürfen. Überflüssig etwa der Schauspieler/ Teufel (witzig Alfred Sramek). Und auch der Königin Viktoria ein Wasserklo verkaufende Sir Dorian Bosomworth (John Nuzzo) wirkt als handlungshemmende Slapstickzierde.

Etwas viel Platz beansprucht auch der versoffene Kompositeur (atmosphärisch stark Branko Samarovski), der sich durch den Abend spricht und ohne Musik auskommen muss. Er lässt das Gefühl aufkommen, als wäre ins - vor der Komposition schon fertigen - Libretto des Opernneulings zu viel hineingepackt, aber doch nicht genug gekürzt worden. In Summe ein punktuell atmosphärisch starkes Opernstück in der Diktion der klassischen Moderne; eine neue, durchaus altmodische, solide Oper, die ein wenig zu sehr vom Kompromiss zwischen Text und Musik zeugt und ihre zähen Längen hat.

Die Regie kann nichts dafür - Jürgen Flimm hat sich dem Opus ideenmäßig nicht in den Weg gestellt. Er nimmt die Figuren ernst, gestaltet sie genau und lässt sie in einem Ländliches und Urbanes mixenden, mit Dimensionen spielenden Ambiente (Bühne: Erich Wonder) von sich erzählen.

Er verhilft vor allem Thomas Hampson zu einer grandios differenzierten Leistung. Doch auch Diana Damrau - als kleine, mit sehr hohen Tönen sich nach Größe sehnende Frau - überzeugt. Wie auch Heinz Zednik (besonders als Wilhelm), Wolfgang Bankl (als Zirkusdirektor) und Margareta Hintermeier (als Viktoria). Grandios aber vor allem die Philharmoniker unter Michael Boder, die Cerhas Klangwelt jederzeit differenziert zum Leuchten brachten. Anhaltender Applaus. Wenige Buhs. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

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