Aufrüsten für eine Börse in Europa

18. Juni 2002, 14:52
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In Europa sind Wertpapiertransaktionen noch immer siebenmal so teuer wie in den USA

Wien - Europas Börsen stehen einander unter dem Motto "fressen oder gefressen werden" gegenüber. Im vereinten Europa gehören nationale Börsen mit nationalen Abwicklungsstellen (Clearinghäusern) für Wertpapiertransaktionen und eigenen elektronischen Handelssystemen überwiegend noch immer zum Nationalstolz.

Dazu kommen regulative und steuerliche Ungereimtheiten. Das schafft gewaltige Hürden für den Wertpapierhandel innerhalb der Union - nämlich hohe Kosten und lange Abwicklungszeiten, da Transaktionen zuerst über die nationale Clearingstelle laufen müssen, um dann die weiteren Stationen zu erreichen.


Hemmschuhe

Alle Stationen verrechnen ihre Gebühren. Das merken auch Privatanleger an ihren Spesenabrechnungen. Etwa siebenmal teurer ist dadurch Wertpapierkauf in Europa als in den USA, wo diese Geschäfte zentralisiert abgewickelt werden. "Internationales Kapital" ist in Europa daher ein Schlagwort, das in nationalen Hemmschuhen steckt. Abgesehen von einigen Zusammenschlüssen und Übernahmeversuchen - wie dem bis jetzt gescheiterten der Deutschen Börse und der London Stock Exchange - steht die große Runde zur Vereinheitlichung noch aus.

Die Börsen versuchen jetzt, durch neue Produkte Handelsvolumen, also Geschäft, zu generieren, um mächtig genug für das Fressen zu werden. Besonders aktiv ist derzeit der Börsenzusammenschluss Euronext (Paris, Amsterdam, Brüssel) mit seinem Geschäftsbereich für Termingeschäfte, Liffe. Sie ist nach der deutschen Terminbörse Eurex die zweitgrößte und hofft nun, mit immer neuen Offerten für Zinswetten auf verschiedene Anleihen Volumen anzuziehen. Damit hat die Liffe auch Rekorde erreicht: Das Open Interest (Anzahl aller laufenden Kontrakte) beträgt rund 116 Millionen, das Volumen auf die sich diese beziehen, sind über 600 Milliarden Euro.

Pool der Börse wächst

Bei Aktienderivaten entspricht das einem Plus von 80 Prozent. Im kommenden Jahr werden fünf Terminmärkte auf einer elektronischen Plattform integriert sein. Damit wächst der Pool der Börse, die derzeit in über 500 Handelsräumen auf den Bildschirmen der Händler steht. Sechs österreichische Banken sind auch dabei. Unter Druck kommen die europäischen Börsen aber auch vonseiten der USA: Die Tech-Börse Nasdaq etwa versucht sich am Alten Kontinent zu etablieren - sie selbst kommt durch schwindende Volumen und neue elektronische Handelsmöglichkeiten unter Druck. Nach der Übernahme der Brüsseler Easdaq und einer Allianz mit der Berliner Börse rechnet eine Studie von Sal. Oppenheim mit einer baldigen Fusion der Nasdaq mit einer großen europäischen Börse. Heiß gehandelt dafür wird die Deutsche Börse. Dann wäre laut Oppenheim die Londoner Börse der ideale dritte Partner. Weitere Schritte könnten die Schweizer Virt-X und die Allianz der skandinavischen Börsen Norex im Verbund sein. Der Zusammenschluss der Clearinghäuser würde folgen. Und die Terminbörsen? "Die ganze Landschaft ist in Bewegung, Zeitpunkte sind schwer zu benennen", sagt der Verkaufsdirektor der Liffe, Fraser Cowie, derzeit auf Roadshow in Wien. Konsolidierung sei jedenfalls unvermeidlich, meint er. (Karin Bauer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

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