Fiat Austria: Gas statt Bremse

16. Juni 2002, 21:19
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Österreich-Tochter kontert Krise des italienischen Autoherstellers - Schulungsoffensive, neue Struktur

Wien - Fiat Austria kontert die fundamentale Krise der italienischen Konzernmutter mit einem offensiven Konzept: Getreu den Vorgaben des neuen Fiat-Auto-Chefs Giancarlo Boschetti will man das profitable Flottengeschäft ankurbeln und aus dem ertragsschwachen Mietwagengeschäft raus. Das Splitting in die Business-Units Fiat-Lancia einerseits, Alfa Romeo andererseits ist auf dem Weg, der Personalstand in der Fiat-Austria-Zentrale in der Wiener Favoritenstraße 321 wird im Zuge dessen derzeit von 75 auf 80 Mitarbeiter aufgestockt. Zusätzliche 25 Beschäftigte werken in der Fiat-Lancia-Alfa-Bank gleich nebenan.

Im Zuge der Neuaufstellung, erläutert Fiat-Austria-Geschäftsführer Stephan Winkelmann im Gespräch mit dem STANDARD, investiere man heuer zehn Millionen Euro ins Händlernetz, vor allem in Personal und Schulung - eine Summe, die etwa dem Jahresmarketingbudget entspreche. Dazu eröffne man Mitte Juli auch ein Schulungszentrum im "Campus 21" im Süden der Bundeshauptstadt, dessen Errichtung 730.000 EURO gekostet habe. Für den dortigen Schulungsbetrieb stehe heuer noch ein Budget von 2,5 Mio. EURO zur Verfügung, sagt Winkelmann: "Investitionsbereitschaft ist also da."

Vertriebsdefizite ortet er im absatzstarken Großraum Wien, weshalb für Mödling sowie den 10. und 23. Wiener Gemeindebezirk ein neuer Partner gesucht werde - DER STANDARD berichtete. Der größte Fiat-Händler, Denzel (setzt gut 18 Prozent aller Fiats in Österreich ab; Anm.), hat sich Anfang des Jahres aus der Motorcity Süd zurückgezogen, Winkelmann verhandelt mit drei potenziellen Nachfolgern, rechnet aber nicht mit einer Einigung vor Herbst. Die Location sei ebenfalls noch nicht entschieden, man müsse nicht zwangsweise zurück in die Motorcity, auch ein Standort in der Triester Straße sei vorstellbar. Denkbar seien auch zwei Händler, einer für Fiat, einer für Alfa.

Gegen den Trend streben Fiat und Alfa übrigens keine direkte Vertriebskontrolle an, Winkelmann sieht hier keinen Handlungsbedarf, es liegt wohl aber auch an den Kosten für den Aufbau eines eigenen Netzes. Seit Juli 1999 wurden die Betriebe von 75 auf 60 reduziert, dabei werde es mehr oder weniger bleiben.

Flottenpolitik

Im Zuge der Restrukturierung konzentriert man sich auch auf eine Neupositionierung beim Absatz. Derzeit gingen 85 Prozent aller Fiats, Lancias und Alfas an Private. Zehn Prozent seien Flottenkunden, fünf Mietwagen, und bei Behörden sei man gar nicht präsent. Nun wolle man erstens raus aus dem Mietwagengeschäft (seit einem Jahr läuft der Rückzug), wo kaum zu verdienen sei. Zweitens wolle man rein bei den Behörden, was aber "extrem schwierig" sei.

Und drittens wolle man im lukrativen Flottengeschäft punkten. Hier habe man zuletzt die Präsenz verdoppeln können, bis 2004 soll der Anteil auf 20 Prozent raufschnalzen. "Wir gehen massiv ins Flottengeschäft." Hintergrund der Bestrebungen: In Österreich wird gut ein Drittel des Neuwagengeschäfts übers Flottengeschäft lukriert, Fiat will aufschließen zum Branchenschnitt. Die Marke Fiat hält derzeit vier Prozent Marktanteil und liegt leicht unter Vorjahr, Alfa hat sich auf 1,1 Prozent stabilisiert, Lancia ist mit 0,1 Prozent praktisch nicht existent.

Von teuren Stützungsaktionen zwecks Marktanteilskosmetik - wie in den vergangenen Jahren praktiziert - hält der amtierende Fiat-Austria-Geschäftsführer ebenso wenig wie der neu bestellte, von Land Rover Austria kommende Kollege Christopher Nicoll. Über die finanzielle Situation bei Fiat Austria sagt Winkelmann nur so viel: "Wir arbeiten intensiv am Ertrag." (Andreas Stockinger/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2002)

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