Grünes Kapital

16. Juni 2002, 11:32
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Gastgärten: Tische und Bänke im Freien sind das Mindeste. Von erweiterten Gast- und Kaffeehausräumen erwartet man sich meistens ein bissl mehr: eine gute Lage etwa oder Angebote für Kinder. Einige Beispiele, österreichweit.

Für den Gasthausbesitzer, der über ihn verfügt, ist er, geschickt genützt, ein Kapital, das es zu nutzen gilt, für Besucher oft ein Grund, ein Gasthaus gerade oder alleine wegen seines Freiluft-Angebots für die hierzulande viel zu seltenen Sonnen- und Sommertage aufzusuchen. Das Schild "Schöner Gastgarten" zieht magisch an, wenn auch oft eine Enttäuschung auf die vollmundige Ankündigung folgt. Schönheit ist subjektiv, heißt es dann einzusehen, hat man den Hinweis ernst genommen als Einladung auf eine Art Insel der Seligen. Suggeriert das Wort Garten Grün, Frischluft, Sonne und Schatten, so sollte der geneigte Gast nicht immer diesen wenn auch nahe liegenden Assoziationen trauen. Überhaupt ist es ratsam, die Erwartungen auf das Vorfinden des kleinsten gemeinsamen Nenners, Tische und Stühle wie Bänke unter freiem Himmel, gerade dann zu reduzieren, wenn außerhalb mündlicher Erzählungen vom schönen Gastgarten die Rede ist.

Die Kriterien: Wir haben städtische, gastronomische Frischluft-Oasen in Österreich unter die Lupe genommen und sie hinsichtlich ihrer Lage (L), ihres Erholungsfaktors (E), des Unterhaltungswertes (U) nach dem Schulnoten-System bewertet. Unser Augenmerk haben wir auch darauf gelegt, wie es um das Freizeitangebot rundherum (F) bestellt ist und ob für das Wohl kleinerer Gäste (K) - Voraussetzung dafür, dass Erwachsene sich ebenfalls in Ruhe wonnig fühlen können - gesorgt ist.

Die Ergebnisse:
Gasthaus Birner, An der oberen alten Donau 47, 1210 Wien, 01/271 53 36.
Unprätentiös und mit nachlässigem Charme präsentiert sich der wunderbare Gasthausgarten an der alten Donau gegenüber dem Angelibad. Abgesehen von der Tatsache, dass einem nie fad wird angesichts der vorbeifahrenden Boote, der Turbulenzen im Freibad, der vorbeiflanierenden Menschen, ist es die Lage am Wasser, die das besondere Flair des Wiener Wirtshausgartens mit entsprechendem Speisenangebot von der Leberknödelsuppe über die Rindsroulade bis zu den Marmeladepalatschinken ausmacht. Erfrischend in Zeiten von exorbitant wuchernden Wild-, Fisch-, Mexiko- und sonstwelchen Wochen ist die Uninszeniertheit des Angebots, die vorzüglich für Erholung sorgt. Dreistöckig liegt der Gastgarten, beschattet von alten Bäumen und wildem Wein, direkt am Wasser, ohne Extraangebote für Kinder. Die sind kletternd über Geländer, Felsen und Bootsstege höchst angeregt beschäftigt. Der altmodische Eindruck im Schatten wuchernder Hecken und unter nackten Glühbirnen dürfte den Gästen ebenso zusagen wie die unendliche Geduld der herumschwirrenden Ober.
L: 1, E: 1, U: 1, F: 1, K: 2, Ges.: 1,2.

Schweizerhaus im Wiener Prater, Prater 116, 1020, Tel. 01/728 01 52.
Wer viel von der so genannten "Wiener Gemütlichkeit" hält, bewundert durch ebenso viele Touristen, ist hier richtig. Empfehlenswert ist der bekannte, riesige Biergarten für Freunde des kühlen und von Kennern geschätzten Budweiser Bieres. Deftiges wie Stelzen, Böhmische Knödel und Rettich stehen auf der Speisekarte, so man das Glück hat, zu jenen zu gehören, die an eine solche gelangen, sprich einen Platz im immer voll gepfropften Kastanien-Nussbaum-Garten ergattern. Wem es nicht zu laut ist, zu groß, zu überfüllt oder zu geschäftig, der kann sich hier wohlfühlen. Angesichts der Fülle ist die Freundlichkeit und Umsichtigkeit des Personals extra hoch einzuschätzen. Gedacht wurde auch an ein Kindereckchen mit Rutsche und Schaukel. Vergnügen natürlicher wie künstlicher Art bietet der Wiener Prater rundherum.
L: 2, E: 3, U: 1, F: 1, K: 3, Ges.: 2.

Klosterhof
, Landstraße 30, 4020 Linz, Tel. 0732/77 33 73.
Würdig, schattig, gediegen und geschützt von alten Kastanienbäumen ist der Gastgarten in der Linzer Fußgängerzone eine angenehme, städtische Oase, die trotz ihrer Größe ohne viel Lärm, Dramatik und Extravaganz auskommt. Schutz vor überraschendem Regen oder das pure ästhetische Vergnügen bieten die wunderschönen Laubengänge im denkmalgeschützten Herrenhaus. Für Kinder gibt es "Extra-Würstchen" auf der Speisekarte und ein Ringelspiel. Am Wochenende liebt man es abends klassisch mit Klängen vom Johann-Strauß-Ensemble. Dann und wann kommen Dichter zu Wort oder andere Klänge zum Einsatz. Man kocht sich durch das gutbürgerliche Angebot vom Surschopfbraten bis zur Mühlviertler Erdäpfelsuppe, aber auch fleischlose Alternativen werden geboten. Wem es hier zu lau wird, der kann ins Linzer Nachtleben ausschwärmen oder in der zum Hause gehörenden Stieglitz-Bar ein Seiderl heben oder sich der Hauptstadt Einkaufsstraße vornehmen.
L: 1, E: 1, U: 2, F: 3, K: 3, Ges.: 2.

Josef
, Stadtbräu, Landstraße 49, 4020 Linz, Tel. 0732/77 31 65.
Menschen, die die Erlebniswelten der Gegenwart lieben, sind hier gut bedient. "Große Sause ohne Pause" ist das Motto der Betreiber, welches sich auch auf den großen, pulsierenden Gastgarten mit Bäumen und eingezogenen Nischen niederschlägt und vom einheimischen Publikum dankbar angenommen wird. Buffet mit vielfältigem Angebot und großer Nachfrage sowie Ausschank im Garten sorgen für geschäftiges Treiben ebenso wie diverse Livekonzerte, Bikertreffen, Oktoberfeste etc. mehr Abenteuer denn Beschaulichkeit bieten. Entsprechend hoch sind der Lärmpegel und das Kommen und Gehen von und zu den Ess- und Trink-Näpfen. Groß ist auch die Chance, diverse Lokalpolitiker beim Feiern verschiedenster Eröffnungen, Geburts- oder Namenstage begleiten zu dürfen. Kinder haben hier Freude, wenn sie Entsprechendes ebenfalls genießen.
L: 1, E: 3, U: 2, F: 3, K: 4, Ges.: 2,6.

Parkhouse
im Grazer Stadtpark, Stadtpark 2, Tel. 0316/82 74 34 (Testsieger).
Ein Gastgarten der wunderschönen und besonderen Art - gehörig zum nach Werkbund-Werkstatt aussehenden Pavillon mitten im Grazer Stadtpark, der, alleine ausgesprochen hübsch anzusehen, nicht die einzige Attraktion im Gelände ist. Rundherum wimmelt es nur so von Kunst, Kultur und Natur. Wird allerorts gastgartenlärmmäßig gegen Anrainer gekämpft, gibt es hier mitten im Märchen-Stadtpark keine Probleme. Dementsprechend laut ist es absichtsvoll und nicht zum Schlechtesten. Was hier innen wie außen praktiziert wird, ist die hohe Schule der DJ-Lines, des Herumlungerns der feinsten Art sozusagen. Ansonsten wird eher die nonchalante Einstellung zu Gastromie und ihren Grundsätzen praktiziert, dafür fällt die Entscheidung zwischen Spinatstrudel und Toast nicht schwer. Kindern wird in diesem Paradies ganz sicher nicht fad. Übrigens ist das Plätzchen einer der Wireless LAN Access Points der Stadt, also sozusagen zukunftssicher.
L: 1, E:1, U: 1, F: 1, K: 1, Ges.: 1.

Mythos
, Hauptplatz 25, 3430 Tulln, (kein Telefon!!!!)
Was sich mit dem bedeutungsschwangeren Wort schmückt, ist ein Innenhofgarten im Zentrum, der Besucher ob seiner Stilvielfalt nicht aus dem Staunen entlässt. Folglich nur für Menschen empfehlenswert, bei denen Staunen Unterhaltung bzw. Entspannung zur Folge hat. Der weinbewachsene gepflasterte Hof schmückt sich mit griechischen Torsi, bäuerlichem Gerät, rustikalem Gestühl, blumengeschmückten Wägen, hölzernen Lauben etc., während die Gegenwart in Form eines Fernsehapparates Einzug gehalten hat. Gegrillt wird vom Kotelett bis zum Putenfilet am Holzkohlengrill, die Verfügbarkeit von Rieder Bier rief bei den TesterInnen basses Erstaunen und großes Entzücken hervor. Wem das Essen schwer im Magen liegt, der geht einen Stock tiefer in die Mythos Discothek oder zum Biertreff zehn Schritte weiter. Nicht vorhandene Kinderecken fallen ob der spielend nutzbaren Umgebung nicht schmerzlich ins Gewicht.
L: 3, E: 2, U: 3, F: 3, K: 3, Ges.: 2,8.

Café Glockenspiel, Mozartplatz 2, 5020 Salzburg, Tel. 0662/ 841 40 30.
Mit Grün ist hier nicht viel, dafür verbringt man seine Zeit von Angesicht zu Angesicht mit der steinernen Verkörperung von Salzburgs bestverkaufter Trademark W. A. Mozart. Hier im Kaffeehausgarten am westlichen Ende des Mozartplatzes wird einem auch nicht fad wegen des Kommens und Gehens in der schmucken Salzburger Altstadt, außerdem hat alles eine blümerante Ordnung, die blumengeschmückte Terrasse ebenso wie Tisch und Sessel; worauf man zum Beispiel bei Kaffee und Kuchen oder einem Imbiss dem Glockenspiel lauschen kann. Für Kinder gibt's nichts, aber die sind sowieso nicht allzu gern gesehen in so schmucken Institutionen. Dafür ist eben deswegen der Erholungsfaktor für manche Erwachsene recht groß - wie übrigens in den meisten Salzburger Cafés. Eher ein Ort zum Blickewerfen, deswegen wahrscheinlich das unaufdringliche Aussehen, um nur ja nicht von der Schönheit der Stadt abzulenken. Vorsicht, hier werden die Gehsteige bei Anbruch der Dunkelheit hochgeklappt.
L: 2, E: 3, U: 3, F: 4, K: 5, Ges.: 3,4.

Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

(DER STANDARD, Album, 15./16.6.2002)

Von
Regina Bruckner
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