"Sehr viel Neues, fabelhaft kommentiert"

19. Juni 2002, 12:29
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Reich-Ranicki-Lob für neue Thomas-Mann- Ausgabe

Frankfurt/Main/Hamburg/Lübeck - Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat die erste kommentierte Thomas-Mann-Gesamtausgabe überschwänglich gelobt. "Das ist ein ganz hervorragendes und wichtiges Ereignis", sagte Reich-Ranicki. "Ich bin glücklich, dass es diese Ausgabe gibt."

Der Frankfurter S.Fischer-Verlag wird am Sonntag, den 23. Juni, in Lübeck die ersten drei Bände - "Buddenbrooks", "Briefe I" und "Essays I" - der neuen "Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe" offiziell vorstellen. Bis 2015 sollen insgesamt 38 Bände - Werkausgaben und Kommentarbände - vorliegen.

Die Ausgabe sei besonders wichtig, da sie etwa die bisher umfangreichste Auswahl aus den insgesamt 25 000 Briefen Thomas Manns biete, die dazu erstmalig kommentiert seien. Der erste Essay-Band, mit bisher nicht veröffentlichten Stücken, sei zudem "fabelhaft" kommentiert. "Ich habe sehr viel Neues erfahren, über sein Leben, seine Komplexe, seine Ressentiments oder über Dinge, die seine Homoerotik betreffen", sagte der Thomas-Mann-Kenner nach einer ersten Lektüre der Bände.

Zu der Tatsache, dass es bisher keine vollständige kommentierte Gesamtausgabe der Werke Thomas Manns gegeben habe, sagte Ranicki: "Man hat sich wohl die Frage gestellt, wird eine solche Ausgabe Interessenten finden? " Diese Frage sei nach Manns Tod (1955) in den 60er und in den 70er Jahren ganz anders beantwortet worden als heute.

"Viele Menschen, die sich für Thomas Mann interessierten, haben in ihm einen kühlen Menschen gesehen, ein großer Stilist, aber im Grunde ein egoistischer, kalter Mann." Dieses Bild habe sich mit Erscheinen der restlichen Tagebücher Ende der 70er wesentlich verändert. Mann sei als "tief leidender Mensch" erkannt worden, bei dem "seine Homoerotik eines der zentralen Probleme seines Lebens" gewesen sei.

Das Werk des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers von 1929 erscheint seit rund 100 Jahren bei S. Fischer. Eine dem aktuellen Forschungsstand entsprechende kommentierte Ausgabe der Werke, Briefe und Tagebücher war ein lang gehegter Wunsch des Verlages. (APA/dpa)

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