Fehler im Ich-System

14. Juni 2002, 21:24
posten

Norbert Kron schickt seinen Helden auf einen Selbstfindungtrip

Probleme löst Michael Lindberg, laut Eigendefinition "ein großgewachsener, ja durchtrainierter Mittdreißiger", der mit 29 seine erste Million Deutsch-Mark umgestzt hatte und nun in Berlin erfolgreicher Produzent von Fernsehshows ist, so wie er es in Workshops gelernt hat: "Berufe eine Ich-Konferenz ein, setz deine Persönlichkeitsteile an einen Tisch. So ging das innere Unternehmen, dem ich vorstand, an Probleme heran."

Der Fehler im Ich-System dieses Mannes, der ein straffes Unternehmen ist, das keine Zeit verliert, etwaige Schäden sofort zu beheben, ist zunächst ein sehr banaler und doch tiefgreifender. Die Ärzte diagnostizieren Kryptozoospermie, was heißt, dass Lindberg und seine Freundin, die gerade erfolglose, aber nichtsdestotrotz ehrgeizige Schmuckdesignerin Bea, keine Kinder bekommen können.

Was folgt daraus? Ein Beziehungsproblem? Auch, vor allem aber der Zusammenbruch vertrauter Bilderweltenchen Geschäftsmannes, der zugleich perfekter Vater ist, zum Star hat. Jetzt stellt sich die Frage, welches neue Selbstbild kann das alte ersetzen? Lindberg driftet ab in eine fixe Idee, er entwickelt eine Affinität zu Gewalt, die mit der Suche nach dem "Echten" in den Fernsehbildern korreliert ("Vielleicht, dachte ich mir, lag darin wirklich ein letztes, echtes Moment von Privatheit: Einen Mann vor laufender Kamera zusammenzuschlagen.") und heckt einen Plan aus, wie er sich für die Nachwelt unsterblich machen kann. Wenn schon kein Kind, dann wenigstens sich selbst auf die Welt bringen, was im Zeitalter der Medien heißt: Sie selbst ins Bild setzen. Denn auch Kinder sind letztendlich nur Medien. Und, Vater werden, "lächelte ich in mich hinein, heißt immer zum Verbrecher werden".

Autopilot, der Debütroman von Norbert Kron, der 1965 in München geboren wurde, mittlerweile in Berlin lebt und neben seiner Literaturproduktion als Fernsehjournalist arbeitet, hat sich die Gewalt- und Realityformatsdiskurse, die Gender- und Genderbatten der letzten Jahre souverän einverleibt und zu einer ebenso eleganten wie flüssig zu lesenden Geschichte verarbeitet, die unvermutet einige Haken schlägt. Mit Autopilot hat er sich thematisch auf Anhieb in die Liga von Thomas Meinecke und Norbert Niemann geschrieben. Er erzählt allerdings klassischer als seine Kollegen, es gibt bloß eine Perspektive, nämlich die seiner Hauptfigur. Lindberg verwirklicht gerade ein neues spektakuläres TV-Format, den "Talk der Täter", in der ein "Verbrecher mit Aura" mit prominenten und unbekannten Tätern spricht: "Sie tauschen sich aus über die verbotensten Wünsche, die unsere Gesellschaft hervorbringt, machen das Fernsehen zum Medium des Verbrechens, indem sie einander Dinge offenbaren, die sie selbst begangen haben - gestraft oder ungestraft."

Je besser alles läuft, desto mehr muss Lindberg feststellen: "Ich stand neben mir, ein Mann, der auf Autopilot geschaltet hat." Mit einiger Spannung erzählt Norbert Korn eine Geschichte aus dem Herzen des Medienbetriebs, die vielleicht auf den ersten Blick ein wenig überladen wirkt, aber doch recht souverän ihre Erzählelemente zusammenhält: Das Hochkommen der unverarbeiteten Vater-Sohn-Geschichte findet ebenso Platz, wie die im Grunde altmodische Idee, dass ein Mann aus einer gewohnten Welt ausbricht und alles aufgeben muss, um vielleicht verwandelt wieder dort einsteigen zu können, wo einst alles so sicher schien.

(Von Karin Cerny /DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)

Norbert Kron, Autopilot. EURO 18,40/260 Seiten. Hanser, München 2002.

Share if you care.