Halbzeitvertreib

14. Juni 2002, 21:16
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Fußball-Geschichte(n) zum Lesen und Hören

In Zeiten einer Fußball-WM ist ein nationales Boulevardgedächtnis zu merkwürdigen Signalen und Vergleichen fähig. Historisch Bewanderte vermögen dann 1978 auf 1866 zu beziehen, ein gewisses Córdoba als Rache für Königgrätz zu erklären, und der Dichter Franzobel offenbart in seinem Bändchen Mundial. Gebete an den Fußballgott das erste Kommunionsgebot seiner Kick-Liturgie: "Córdoba ist für mich der geeichte Urmeter aller österreichischen Wuchteln." Als ein Beispiel der Österreichhuberei führte unlängst Franz Haas, der der heimischen Literatur "Autismus" vorwarf, den Namen der argentinischen Stadt an. Er gehöre zur Grundausstattung der Boulevardbildung, zum sprachlichen Konsens der Sozialpartnerschaft zwischen Hoch- und Flachkultur. Córdoba sei ein gängiger Code der jüngsten Geschichte, der außerhalb des eigenen nationalen Geheges keine Signalwirkung zeitige.

Hier irrt Haas. In dem Buch Fußball ist unser Leben , das sein Autor Michael Pöppl mit dem Untertitel "Eine deutsche Leidenschaft" eben national nördlich des Walserbergs situiert, findet sich die "kollektive Erinnerung an die Schmach von Córdoba" breit erzählt. "Córdoba, damit ist alles gesagt", steht unter der Jahreszahl 1978 in dem ansprechend aufgemachten Band Vorne fallen die Tore, den Rainer Moritz, einer der besten deutschen Literatur- und Fußballkenner, herausgegeben hat.

Und die Originaltöne präsentiert die von Hörbuch Hamburg produzierte CD Fußball WM , auf der Martin Maria Schwarz die "großen Reportagen von 1954 bis 1998" sammelt. Hier kann man Edi Fingers Historismus zu Zeiten der argentinischen Militärdiktatur vernehmen: "Das ist eine Schlacht, wie wir sie lange nicht erlebt haben", ruft er, "es geht um Sein oder Nichtsein."

Dass Fußball spannender sei als Theater, da man ja wisse, wie der Hamlet ausgehe - das ist längst ein Stehsatz von Intellektuellen. Der gestandene Hochliterat der Sechzigerjahre durfte seine Kick-Zeitschrift meist nur heimlich genießen, und eingesessene Fans monierten damals die falsche Aufstellung des 1. FC Nürnberg bei Handke, dem sie 1979 Ahnungslosigkeit attestierten, denn Angst verspüre beim Elfmeter einzig der Schütze. Seit einer Weile - vielleicht seit Córdoba? - aber werden die Welten der Kunstgenies und der Flankengötter, der Geistesgrößen und der Ballkünstler nicht mehr so kategoriell getrennt. Die zahlreichen literarischen Versuche und Anthologien, die zeitgerecht vor der WM erschienen, gehören vielmehr nun schon einer Gattung an, die quantitativ wie qualitativ gehörig zugelegt hat und mit einem verstärkten Mittelfeld sowie einigen quirligen Sturmspitzen aufspielt. Während die Fernsehreporter sowohl in Deutschland als auch in Österreich eher wie einfallslose Manndecker auftreten und dem Artikelschwund huldigen ("Haas überspielt Gegner, Flanke gelingt, Almer verfehlt Ball, Publikum tobt"), wird die poetische Beschreibung zu Reclam-Ehren gebracht: Das Fußball-Lesebuch Doppelpaß und Abseitsfalle liegt seit 1995 vor.

Franzobels Mundial in der renommierten Essay-Reihe des Droschl-Verlages, die ansonsten komplexe Gipfel der Intellektualität zu bieten hat, ist ein bezeichnendes Exempel des Typus "Kleines künstlerisches Kick-Brevier": kurze, launige Reflexionsanekdoten, leicht witzig, leicht übertrieben, aus dem vollen eigenen Erleben heraus, versetzt mit Kulinarisch-Alkoholischem sowie mit komischen Zitaten, und gaudig illustriert, hier von der Künstlerin Carla Degenhardt aus Buenos Aires (bei Córdoba). Fußball erscheint als Welttheater, der ästhetische Ballester-Ethnologe weiß von Ritualen und Aberglauben zu erzählen, er erkennt den austriakischen Anhänger als "Hättmawamasamma-Vieh": "Hätten wir eine andere Auslosung gehabt, hätte der Stürmer Haas, nicht der Pudding, den einen oder anderen reingetan, hätte der Torhüter Konsel, nicht der Esel, noch gespielt ...". Einen gewichtigen Grund für die Popularität dieses Sportes, zumal unter Schriftstellern, macht Franzobel in der lockeren Anwendung des Musilschen Möglichkeitssinnes aus. Fußball biete Stoff, sich zu äußern, ohne sich gleich zu veräußern. Dieses handliche Bändchen, das in eine Trainingsanzugtasche passt, ist in den meisten Teilen eine gelungene Halbzeitlektüre. Sehr empfehlen kann ich die äußerst witzige Kurzgeschichte Unfall mit Trainer, viel weniger das mühsame Klischee-Experimentierfeld Sache die bedeutet , wo man Franzobel leicht mit seinen eigenen Schmähs ausdribbeln kann: "So Gedanken dahergedacht, nicht einmal gedacht, einfach geschrieben, aber, wie gesagt, viel zu billig." Mit Fußballokratie freilich spielt sich der Dichter wieder nach vorne. Was der Hauptfigur, Frau Kreil, auf diesen zehn Seiten Allerweltstheater auch passieren mag - Fußball ist immer und überall.

In Franzobels rapidem Austriakum darf es naturgemäß auch um das Skiteam gehen. Eine derartige Unordnung lassen deutsche Herausgeber hingegen nicht zu. Hier kann ich aus der Kategorie "Kleine feine Anthologie" jene nahe legen, die Rainer Moritz ausgewählt und ballsicher kommentiert hat: Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler, ein weites Feld, auf dem die Aufstellungen des Buchrückens zwei bunte Mannschaften benennen: Kafka und Rilke im Mittelkreis, Javier Marías gegen Bierhoff, Edi Finger gegen Grass. Von den Anfängen - 2697 v. Chr. über 1464 und 1878 - gelangt man flott zur Gründung des DFB, pünktlich 1900. Und 1901 setzt in diesem kurzweiligen Buch nun auch ein österreichisches Leitmotiv ein: Der Simmeringer Sportclub entsteht, und auf dieses Qualtingersche Härte-Axiom kommt Rainer Moritz bis zum "Spielende" 2002 immer wieder zurück. Der Coach dieser "munteren Chronologie" hat nicht nur klassische Text-Spielzüge aufgeboten, sondern auch so manche rare Perle: Nabokov als Tormann; ein Telegramm von Bernhard Minetti an Sepp Herberger; das Roseggergedicht, das Berti Vogts vor der Presse aufsagte.

Der bundesdeutsche Gründungsmythos ist das "Wunder von Bern". Der WM-Sieg ist auf der Hörbuch-CD gleich aus drei Sprecherkabinen zu vernehmen, in Ausschnitten der Reportagen für den BRD- und den DDR-Rundfunk sowie für das ungarische Radio. Die deutsche Chronik dieser WM 1954 gehe "schwanger mit einer beinahe christlich anmutenden Mystik und einer kindlichen Verklärung", erläutert Michael Pöppl, der in seinem Buch einen bemühten Parallellauf zwischen Fußball und politisch-gesellschaftlicher Geschichte in den beiden Deutschlands und auch nach der Wiedervereinigung unternimmt. Jeder Bundeskanzler bekomme den Bundestrainer, den er verdiene. Ob sich das auf Österreich übertragen lässt? Schüssel verdient Krankl?

Dies liest sich in manchen Teilen wie eine oberflächliche Kulturgeschichte im Kleinfeuilletondeutsch. Standardworte für Standardsituationen, bisweilen ein Ackern auf dem Schreibtisch, wie das Karl Kraus seinerzeit bei anderen Nationalisten konstatiert hatte. Bei Pöppl heißt es etwa: Asamoah "ackert sich mit typischen deutschen Tugenden immer wieder durch die gegnerischen Reihen". Während uns sonst eine Globalisierung ins Haus behauptet wird und man uns erklärt, dass nicht nur in der Ökonomie das Nationale eine immer geringere Rolle spiele, bleibt beim Fußball, trotz des Bosman-Urteils, offenbar das Nationale der erste emotionale Motor. "Wir" sind ja bei dieser WM nicht dabei. "Österreich zuerst" geht da nicht. Also Neutralität? Zu irgendeinem Kick-Gott werden Franzobel und die heimischen Fans schon beten. Und für die Halbzeit gäbe es die Bücher oder eine Reportage, aus der Tiefe des Raumes. (Von Klaus Zeyringer/Album. DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)

Franzobel, Mundial. Gebete an den Fußballgott. Mit Illustrationen von Carla Degenhardt. EURO 15,00/132 Seiten. Droschl, Graz 2002.

Rainer Moritz (Hrsg.), Vorne fallen die Tore. Fußball-Geschichte(n) von Sokrates bis Rudi Völler. EURO 17,40/286 Seiten. Antje Kunstmann, München 2002.

Michael Pöppl, Fußball ist unser Leben. Eine deutsche Leidenschaft. EURO 8,80/259 Seiten. Aufbau Taschenbuchverlag, Berlin 2002. Martin Maria Schwarz, Fußball WM. Die großen Reportagen von 1954-1998. EURO 10,40. Hörbuch Hamburg.

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