Verzweiflung und Zerbrechlichkeit

14. Juni 2002, 20:57
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Erich Wolfgang Skwaras Roman über das schwere Gepäck der Erinnerung

Ein alternder Literaturwissenschafter an einer kalifornischen Universität, narzisstischer Egozentriker, besessener Sadist, der Frauen um sich zwanghaft zu Objekten seiner Lust degradiert, zerstört und in den Selbstmord treibt ("Der Tod als wahrer Meister der Lust"), seine Frau erniedrigt, seine Kinder ignoriert. Dazu kommen pädophile Träume, intellektuelle Hochstapelei und konsequente Rücksichtslosigkeit - ein zerstörerisches menschliches Wrack des 20. Jahrhunderts, der Typ Mensch, der sich gerade in US-amerikanischen Universitätsromanen so reichlich tummelt: So, what else is new?

Neu ist die schonungslose fiktionale Selbstanalyse des Protagonisten Thomas Stein, dessen teils neugierige, teils erschreckte, teils resignierende Erzählerstimme weite Teile des Romans trägt. Wieder einmal schockiert Erich Skwara seine Leser mit einem österreichischen Emigranten, der die Naziluft in seinem "Gaunerland" nicht ertragen konnte. Ob das vernichtende Urteil, dass Stein nach seiner Flucht ins Ausland selbst zum "Musterschüler seines Landes" geworden war, zutrifft, ist wohl die entscheidende, wenn auch nicht leicht zu beantwortende Frage dieses komplexen Buchs.

Zwei Begegnungen bilden den Rahmen des handlungsarmen Romans. Steins alter Freund aus Pariser Studententagen Stéphane, inzwischen hedonistischer Advokat und Workaholic, kommt in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zu Besuch an die kalifornische Pazifikküste, was eine Krise auslöst, da er den Finger in die vielen offenen Wunden der Vergangenheit des Protagonisten legt. Eine Wiederbegegnung mit Giovanni, vor Jahrzehnten Objekt einer homoerotischen Leidenschaft in Steins Jugend, führt ihn nach Italien; im letzten Moment, als ihm klar wird, dass die Begegnung seine narzisstischen Spiegelungen zerstören würde, flüchtet er jedoch. In beiden Fällen geht es darum, die "Dinge, die bald verschwinden würden, festzuhalten" oder sie wiederzubringen. Stein weiß zwar, dass es sich dabei um ein "unmögliches Unterfangen" handelt, "doch schien kein anderes der Mühe wert. Auf Menschen musste man dabei nicht zählen."

Sein Herz scheint tatsächlich aus Stein angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der er über Leichen geht, aber er macht es sich auch nicht einfach: "Stein lebte aus dem Koffer, seine Erinnerungen waren ebenfalls Gepäck, er schleppte sie überall mit, der kleinste Spaziergang gelang nicht ohne Schwergewicht." Diese Schwere, die in der selbstzerstörerischen Erkenntnis gipfelt, er sei ein "Verlierer" (gemeint ist der unverzeihliche amerikanische Vorwurf: loser) teilt sich dem Leser auf bedrückende Weise mit.

Die aus dem Roman erschließbare Biografie trägt deutlich sexualpathologische Züge. Stein, der sich bis Mitte zwanzig "kein Mädchen anzufassen getraut" hat, ergreift die Panik des Älterwerdens. Ein unstillbarer Hunger nach "Frauenkörpern und Männerköpfen" ist einerseits der vergebliche Versuch, Versäumtes nachzuholen und dient gleichzeitig als "Mittel zur Narkose". Diese Narkose charakterisiert jedoch nicht den Erzähler. Von der Abscheu vor der eigenen Körperlichkeit ("Mein Vorhandensein brummte wie ein fettes Insekt, das sich im Zimmer gefangen hatte und nun verzweifelt gegen die helleren Fenster flog") bis zur Einsicht in die Zwanghaftigkeit seines sadistischen Wahns zeichnet sich diese atemlose Prosa durch ein hypersensibles Bewusstsein für die eigene Unzulänglichkeit aus.

Über diese individuelle Bankrotterklärung hinaus untersucht dieser Roman den kollektiven, österreichischen Anteil an dieser "Politik eines ganzen Lebens". Jedes Land, so die These des Erzählers, "missbrauchte seine Kinder, versuchte ihnen den Stempel aufzudrucken: bei uns ist es so." Zwar war er aus "seinem Österreich" davongelaufen - über Italien, Paris bis nach Kalifornien - aber er kann dem Land, wo Sprache nicht "sorgfaltspflichtig" ist, wo Väter und Lehrer brüllen und durch Worte misshandeln, so wenig entkommen, wie seiner zerstörerischen Herkunftsfamilie, deren Verhaltensmuster er nun in seiner eigenen reproduziert. Seine Frau Clara spricht aus, was er selbst nur allzu genau weiß, von anderen aber keinesfalls hören will: "Deine Nazilehrer können stolz auf dich sein." Das Urteil über sich selbst ist allerdings um nichts weniger treffend: "Stein war ein Österreicher wie alle, nur schlimmer, weil er sich in seinem Auslandsleben für besser hielt."

Der Roman ist dennoch mehr als nur progressive Selbsterkenntnis. In einer der vielen poetologischen Bemerkungen heißt es zwar "Schreiben war Sehnsucht, und es gab in der Welt keine Sehnsucht mehr", jedoch macht dies fortgesetzte Schreibversuche nicht unmöglich oder ungültig. Davon zeugt auch die, trotz der mentalen Schwere, souveräne und einprägsame Prosa, die die allgemeine Verzweiflung und "Zerbrechlichkeit" stilistisch nobilitiert: "Scheinbar aufrecht und doch geduckt schlichen die Leute in ihre Ämter oder in ihr Sterben." Wäre John Updike Österreicher, vielleicht würde er so ähnlich schreiben. (Von Walter Grünzweig/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)

Erich Wolfgang Skwara, Zerbrechlichkeit oder Die Toten der Place Baudoyer. EURO 20,50/298 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2002.

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