Proporz als Segen

14. Juni 2002, 20:12
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Ob Haider das politische Geschäft gut versteht, wird man sehen - Von Günter Traxler

Der Auftritt in den roten Schuhen war ja ganz nett, aber ob Jörg Haider das politische Geschäft wirklich so gut versteht, wie manche nach jedem von ihm inszenierten Rummel von der Schildlaus bis zu Saddam glauben, wird man sehen. Dafür gibt es einen allgemein anerkannten Maßstab, und der wird am Wahltag angelegt. Egal ob der im Frühjahr oder im Frühherbst des kommenden Jahres liegt, mit Sicherheit wird keines der von Haider erst zu eruierenden Bankenopfer bis dahin auch nur einen Cent als Ersatz für angeblichen oder wirklich erlittenen Schaden sehen, bis dahin aber vermutlich schon mit Sicherheit wissen, dass es auch nie einen Cent sehen wird.

Und wenn die Banken die Strafe, die sie nun zahlen sollen, ohne größeres Aufsehen auf die Kunden überwälzen - dass die Bankmanager persönlich dafür aufkommen, können nicht einmal der Schuhfetischist und sein Anwalt in der Bundesregierung wirklich glauben -, dann besteht sinnliche Gewissheit, dass der selbst ernannte Rächer der von den Banken Enterbten diesen mithilfe der verhassten EU zusätzlichen Schaden zugefügt hat.

Ob die Neuinszenierung des vor nunmehr 82 Jahren uraufgeführten Kalauers "Brechung der Zinsknechtschaft" den Konsumenten von Bankdienstleistungen etwas bringt, dürfte so ziemlich das Letzte sein, was Haider interessiert. Das wird so rasch vergessen sein wie frühere Beglückungsversuche, etwa an Langzeitarbeitslosen, die man vor zwei Jahren mit einem großartig angekündigtem "Bürgergeld" für das Abstauben von Parkbänken von ihrem Elend zu erlösen vorgab, oder mithilfe der Bürgerwehr, die bisher nichts als Abwehr und Gelächter geerntet hat.

Worum es vor allem geht, verrät die Broschüre "Bankenkartell", die die FPÖ begleitend an den Mann bringen will, schon auf dem Titelbild. Als Oldie, der im roten T-Shirt nicht altern kann, aber es noch einmal wissen will, wird das einfache Parteimitglied als über der eigenen Partei stehende Galionsfigur im beginnenden Wahlkampf ausgehängt. Zur Hauptaufgabe hat Haider es sich darin gemacht, die Schauergeschichte vom Proporz, "der seit 1945 wie eine Epidemie unaufhaltsam bis in die letzten Nischen, nicht nur des Bankenbereichs, hineingekrochen ist", wieder aufzuwärmen und von der Zeit zu schwärmen, als "Hintermänner und Drahtzieher dieses gigantischen Netzwerks der finanziellen Schädigung" Österreich lenkten - das rot-schwarze Proporzsystem der Macht "funktionierte jahrzehntelang mit der Präzision eines Uhrwerks, auf seine Weise gnadenlos und unerbittlich". Gegen vierzig Jahre Zweite Republik müssen tausend Jahre Drittes Reich eine Idylle gewesen sein.

Dass er als Saubermann der Nation allerspätestens seit der Affäre Gaugg ausgedient hat, dürfte Haider wissen. Daher muss in Zeiten des schwarz-blauen Postenschachers umso lauter an den rot-schwarzen Proporz erinnert werden - schon um den Koalitionspartner einzuschüchtern und zu warnen, ja bei der Stange zu bleiben. Dass die verhassten Roten nicht gut wegkommen, ist klar.

Wollte der Großgrundbesitzer als Sozialrevolutionär wirklich etwas für geschädigte kleine Leute tun - er hat doch so viele gleich gesinnte reiche Freunde. Wenn die zu einem Jörg Haider-Lombard-Fonds zusammenlegen, könnten sich die Bankenopfer ihr Geld rasch, gratis und unbürokratisch zunächst dort holen, statt auf die "Plattform" zu bauen, die er mit Böhmdorfer und dem Verein "Mein Recht auf Kontrolle" eingerichtet haben will. Selbstverständlich, ohne einen Unkostenbeitrag von 175 Euro (2408,05 Schilling) im Voraus blechen zu müssen, Erfolgsgarantie keine und Rechtsanwalt extra. Das könnte den Wählern imponieren.

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