Von der "Blutnacht" zur neuen Freiheit

14. Juni 2002, 19:43
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Gorbatschows neue Politik eröffnete den Litauern den Gang in die Freiheit. Der Versuch, ihn gewaltsam zu stoppen, misslang.

Der 1985 zum neuen Generalsekretär der KPdSU bestellte Michail Gorbatschow ließ die baltischen Völker rasch aufhorchen. Ihre Träume bekamen nach und nach realistische Konturen. Nirgendwo sonst in der Sowjetunion hörte man so aufmerksam den Ankündigungen von Maßnahmen zu, die einen grundlegenden Wandel im erstarrten und wirtschaftlich bankrotten roten Riesenreich bringen sollten, wie im Baltikum, nirgendwo sonst suchte man so früh wie dort, die sich weitenden Grenzen der Freiheit auszuloten. In Litauen wurde am 3. Juni 1988 die Reformbewegung Sajudis gegründet, die rasch zu einer gut organisierten überparteilichen Massenbewegung heranwuchs, an der sich auch der reformfreudige Flügel der Kommunistischen Partei beteiligte. Und schon - mehr glaubten selbst die größten Optimisten dem Kreml nicht zumuten zu können - machte der Ruf nach Autonomie in einer erneuerten Sowjetunion die Runde. Am 23. August 1988, dem Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, strömte eine Viertelmillion Menschen in Vilnius zusammen, um ihren Protest gegen das den baltischen Ländern angetane Unrecht zu bekunden.

Litauens KP-Chef Algirdas Brazauskas stellte sich der Volksbewegung nicht in den Weg, im Gegenteil, er wurde bald zu einem ihrer Promotoren. Litauisch wurde zur Staatssprache erklärt, die alte litauische Flagge wurde gehisst, die Kathedrale von Vilnius wurde neu eingeweiht, der Oberste Sowjet Litauens bezeichnete die Annexion von 1940 als internationales Verbrechen, und die litauische KP löste sich von der KPdSU. Am 50. Jahrestag des "Teufelspaktes" bildete sich vom estnischen Tallinn über das lettische Riga bis ins litauische Vilnius eine Menschenkette von zwei Millionen. Und als Gorbatschow im Jänner 1990 nach Vilnius kam, forderten 300.000 Demonstranten die Unabhängigkeit für Litauen.

Das lag nicht im Konzept des Kremlherrn, der die Union als freie Vereinigung ihrer Republiken aufrechterhalten wollte. Aber ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen konnte er nicht mehr verhindern. Am 4. März 1990 war es in Litauen so weit: Die Bewegung Sajudis errang die Mehrheit. Ihr Führer Vytautas Landsbergis trat an die Stelle von Brazauskas als Vorsitzender des Obersten Rates der (noch Sozialistischen Sowjet-) Republik Litauen. Eine Woche danach, am 11. März, erklärte Litauen seine Unabhängigkeit. Landsbergis wurde Präsident, Kazimiera Prunskiene die erste Ministerpräsidentin des freien Litauen.

Moskau verhängte über das Land eine Wirtschaftsblockade. Die vom sowjetischen Innenministerium einberufene Sonderpolizei (OMON) unterstützte den Widerstand orthodoxer Kommunisten (vor allem im Lauf der Jahre eingewanderter Russen, die sich in der Bewegung "Jedinstwo" - Einheit - zusammengeschlossen hatten) gegen die Regierung. Diese hatte bereits Wirtschaftsreformen eingeleitet, die das starre sozialisierte System aufbrechen sollten.

In der Nacht zum 13. Jänner 1991 versuchte die Sowjetmacht, den Freiheitswillen der Litauer zu brechen. Landsbergis war wenige Tage zuvor beim amerikanischen Präsidenten Bush gewesen und hatte ihn - erfolglos - um eine politische Erklärung ersucht. Gorbatschow hatte Litauen ultimativ aufgefordert, unter die Sowjetverfassung zurückzukehren. In dieser Nacht fuhren Sowjetpanzer überfallsartig durch die Straßen, Luftlandeeinheiten und die OMON-Truppen des Innenministeriums demonstrierten die Gewaltbereitschaft der kommunistischen Staatsmacht. Ein vom KGB gesteuertes "Komitee zur nationalen Errettung Litauens" hatte (nach anderswo bewährtem Muster) um Hilfe gerufen. "Jedinstwo"-Anhänger versuchten das Parlament zu stürmen, Landsbergis beschwor seine Landsleute, die Regierung zu schützen, "sonst bekommt ihr eine, die ihr nicht selbst wählen könnt". Viele Tausende kamen und drängten die Angreifer weg.

Nun fuhren Panzer zum Fernsehturm, vor dem sich ihnen eine große Menschenmenge entgegenstellte. Erst schossen die Panzer über die Köpfe hinweg, dann versuchten sie, die Menge mit Gewehrkolben auseinander zu treiben - und schließlich bellten die Maschinengewehre. 15 Menschen starben, einige Hundert wurden verletzt. Der TV-Turm wurde von den Angreifern besetzt. Doch über ein Notstudio im Parlament rief Landsbergis noch einmal das Volk zu Hilfe, und bald waren es 150.000, die das Regierungsgebäude zu schützen bereit waren.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16. 6. 2002)

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