Streitobjekt Benes-Dekrete

14. Juni 2002, 19:46
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Vom Elend der Siegergeschichten - Ein Kommentar der Anderen von Wolfgang Müller-Funk

Die tschechisch-österreichische Debatte über die Vertreibung der Sudetendeutschen macht auch und nicht zuletzt deutlich, wie die moderne Mediengesellschaft funktioniert: Wer sich schlecht aufführt, hat im medialen Agon einen Wettbewerbsvorteil. Variante A: Verpönte Inhalte werden ungeschminkt ausgesprochen, um bei allfälliger Empörung zu behaupten, man habe es nicht so gemeint. Variante B: Man operiert mit Untertönen und indirekten Verweisen.

Stellt man etwa die Vertreibung der Sudetendeutschen in einem Kontext mit der Frage der Entschädigung der vertriebenen österreichischen Juden, dann verwandeln sich, ohne dass man es direkt auszusprechen braucht, die Deutschen und Österreicher flugs in verkannte Opfer, die man angeblich nicht einmal benennen darf.

Umgekehrt: Wenn der scheidende tschechische Ministerpräsident vor einigen Wochen in Israel seinen Gastgebern empfahl, mit den Palästinensern so zu verfahren wie sie, die Tschechen, nach 1945 mit den Deutschen, dann verdankte sich diese atemberaubende Analogie ebenso wenig einem Ausrutscher oder mangelnden Englischkenntnissen wie das Projekt, den unglückseligen Benes posthum offiziös zu feiern. Der mediale Profi, der die Atmosphäre seines Publikums aufnimmt, spricht am Ende aus, was sich dieses denkt, der Populist leiht den trüben, nicht zu Unrecht prekären Narrativen seine schrille Stimme. Wenn er zu weit gegangen ist, dementiert er entrüstet, um es später wieder zu versuchen. Dass Zeman nach dem 15. Juni aufs Altenteil geht, ist dabei ebenso wenig ein Trost wie, dass Haider niemals eine vergleichbare Position einnehmen wird.

Faktum ist: Die Geschichte, dass die Vertreibung ein großer historischer, von den Alliierten zumindest tolerierter Sieg war, ist nunmehr öffentlich sagbar geworden; sie wird erzählt, weil sie Wählerstimmen verspricht.

Der Nationalismus ist stets eine Siegergeschichte. Worauf er in all seinen Varianten abzielt, ist: Homogenität. Die von Benes legitimierten Verbrechen waren nicht bloß ein Akt der Rache (der zwar nicht edel, aber angesichts der nazistischen Gräuel zuvor immerhin verständlich gewesen sein mag). Die Fantasie von der ethnisch reinen Gesellschaft ohne fremde ethnische Störelemente, wie sie dem "Odsun" zugrunde liegt, gehört zum Repertoire aller Nationalismen. Ebenso wie in der traditionellen Familie gilt überdies: Der Papa darf nichts falsch gemacht haben.

Von Havel lernen

Das nationalistische Narrativ enthält eine Zumutung stets nur an den anderen: Diejenigen, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht gern von den eigenen Verbrechen sprechen, verlangen von ihren Nachbarn ostentativ eben das. In dieser Logik der Selbst- und Fremdbildlichkeit funktioniert der andere als nationalistisches Schutzschild. Dieses Argumentationsmuster verleiht den nationalen Querelen ihre Dauerhaftigkeit. Es zu durchbrechen, müsste der Tschechischen Republik ein Anliegen sein.

Anders als die nationalistischen Besitzängste es glauben machen, wäre die Rückkehr zu Václav Havels ursprünglichem Vorschlag, den nach 1945 ausgebürgerten Tschechen deutscher Zunge unter bestimmten Bedingungen die Staatsbürgerschaft zurückzugeben, nicht nur eine noble Geste, die nichts kostet und aus der wahre Stärke spricht, vielmehr würde dies dem Ansehen des Landes in Europa einen enormen Aufschwung verleihen.

Dass der mögliche Zuzug von - sagen wir - hunderttausend Menschen dem Land ökonomischen Nutzen brächte, ist ein positiver Nebeneffekt. Viel wichtiger ist, dass es sichtbar machen würde, dass das Projekt der ethnischen Säuberung letztendlich nicht den Sieg davongetragen hat.

In diesem Zusammenhang muss gesagt sein, dass es etwa in Polen - anders als in der Tschechischen Republik - eine deutschsprachige Minderheit mit Sitz und Stimme gibt.

Eine solche Entwicklung kann man sich und auch unseren Nachbarn nur wünschen. Man kann sie indes nicht von außen einklagen und androhen. Die so handeln, sind daran interessiert, das Süppchen medial weiterzuköcheln.

An einem entscheidenden Punkt sind die Sudetendeutschen vornehmlich das Problem unserer Nachbarn. Die Dekrete, die sich in ihrem Bürokratismus so hässlich lesen wie so manche Urkunde des linken und rechten Totalitarismus, basieren auf einer moralisch und juristisch unhaltbaren Kollektivschuldthese. Sie sind keineswegs "totes" Recht. Sie verhindern die Verfolgung von Verbrechen wider die Menschlichkeit ebenso, wie sie Wiedereinbürgerung unmöglich machen. Gewiss, die Zeitumstände waren damals andere, aber aus heutiger Sicht sind sie gänzlich inakzeptabel. Sich von ihnen zu verabschieden, bietet eine einmalige Chance der Entlastung und des Neuanfangs.

Tage der Hoffnung

Die Benes-Dekrete sind mit der Idee Europas unvereinbar. Sie sind aber auch unser Problem, insofern wir an der Hoffnung festhalten, friedlich, wenn auch nicht friktionsfrei miteinander zu leben.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, wie es den großen Tätern gelingt, jenen Teil ihrer Opfer, die in derselben Logik befangen waren, zu Mitschuldigen zu machen. Vielleicht kommt nach dem 15. Juni in Prag ein Politiker zum Zug, der eher an Masaryk als an Benes Maß nimmt, dann, wenn es nicht mehr so sehr darauf ankommt, die wahlwirksamen Siegergeschichten ins Spiel zu bringen. Es gibt genug kritische Menschen in Tschechien, die ihrer überdrüssig sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16. Juni 2002)

Wolfgang Müller-Funk ist Kulturphilosoph und Essayist und lehrt derzeit an der Universität von Birmingham, UK.
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