Präsidenten-Patriotismus

14. Juni 2002, 20:16
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Frankreich: George-Washington-Porträt für 5,12 Mio. Euro

Der Versteigerer Philippe Rouillac und der Altmeister-Experte René Millet sorgten, wie jedes Jahr, mit der Versteigerung in der Orangerie des Loire-Schlosses Cheverny am 8.6. für eine Sensation. Im Vorjahr ging Lucas Cranach d.Ä. Venus und Amor von Cheverny aus per Telefon an den Münchner Galeristen Bernheimer gegen den im Saal anwesenden Wiener Galeristen Herzig von der Galerie Sanct Lucas. Heuer fand das Sensationsduo Rouillac-Millet ein - durch die US-Patriotismuswelle nach dem 11. September preislich hochgespieltes - Porträt des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, George Washington, von Charles Wilson Peale (1741-1827) im Jahre 1782 gemalt, das Experte Millet auf eine Million Euro schätzte.

Nach einem Aufruf von 300.000 Euro und einem heftigen Bietergefecht zwischen einem US-Händlerkonsortium gegen den alleine agierenden Thomas Colville aus New York konnte letzterer, für einen laut Versteigerer Rouillac"besonders mächtigen Auftraggeber" bietend, das 124 x 102 cm grosse Washington-Porträt für 5.189.350 Euro für sich verbuchen. Das ist der höchste Zuschlag dieses Jahres in ganz Frankreich und ein Vielfaches der bis jetzt für Washington-Porträts oder Gemälde von Ch.W. Peale nachweisbaren Preise.

Die Provenienz des Gemäldes spielte eine entscheidende Rolle. Denn es wurde 1782 von Jean B. Donatien de Vineur, Graf von Rochambeau, dem von Ludwig XVI. nach Amerika gesandten Befehlshaber der französischen Truppen, der 1781 an der Seite von George Washington gegen die Engländer für die amerikanische Unabhängigkeit kämpfte, beim Maler Ch.W. Peale gekauft und nach Frankreich gebracht. Rochambeau besaß ein Gut in der Nähe der Loire-Schlösser, wo das Gemälde Jahrhunderte lang im Familienbesitz verblieb. Und wo es der jetzige Pariser Einlieferer erwarb.

Peale wurde ab 1779 beauftragt, das offizielle Porträt von Washington anzufertigen, von dem er für europäische Höfe oder Botschaften mehrere Varianten malte, die sich inzwischen meistens in Museen befinden, z.B. im Pennsylvania Museum of Fine Arts in Philadelphia. Peales Töchter, seine Söhne (namens Rubens und Rembrandt) und ein Neffe, Charles Peale Polk, kopierten die Washington-Porträts.

Voriges Jahr im Mai erzielte eine Nachschöpfung eines Präsidenten-Porträts durch Charles Peale Polk bei Sotheby's in New York 431.823 Euro. Im Juli 2001 bewilligte man in Paris für Ch.Peale Polk's George Washington als Oberst (um 1790) 244.833 Euro. Porträts von Ch.W. Peals von anderen Persönlichkeiten wurden in den letzten Jahren mit maximal 29.000 Euro bewertet, wie z.B. 1999 in Philadelphia auf der Auktion von Freeman Fine Arts. Der Preissprung auf 5,1 Millionen Euro entspricht der aufwändigen Anreise der US-Händler, die im Hubschrauber zum Loire-Schloss Cheverny anflogen.
(Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)

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