Meditativ bis intensiv

14. Juni 2002, 20:19
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100. Auktion von "Villa Grisebach": 15 Mio. Euro

Das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach, seit 1986 in der nobel wieder hergerichteten Stadtvilla des Architekten in der Fasanstraße vom Geschäftsführer Bernd Schultz stetig an die Spitze geführt, kann zur 100. Auktion wieder ein Rekordergebnis vorweisen.

15 Millionen Euro brutto erbrachten die Frühjahrsversteigerungen, bei denen auch die Fotografie zunehmend ins Gewicht fällt. Schwerpunkt aber ist der deutsche Impressionismus und Expressionismus. Herausragend im Angebot und heftig umkämpft ein Bild des 65 Jahre alten Emil Nolde, das für 1,897.500 Euro den höchsten Preis erzielte, der in Deutschland bisher für ein Nolde-Werk gezahlt wurde.

Hülltoft Hof (1932), eine düster bewölkte Marschlandschaft mit geducktem Gehöft, ist traurig typisch für die Geschichte moderner Kunst in Deutschland: Das Ölbild hing, 1934 vom Generalkonsul Voss erworben, in der Hamburger Kunsthalle, wurde 1937 als "entartet" konfisziert, geriet in eine norwegische Privatsammlung und kam erst Anfang der 50-er Jahre nach Deutschland zurück. Jetzt kam es wieder nach Norddeutschland.

Weitere Spitzenergebnisse: 828.000 Euro für Karl Schmidt-Rottluffs Gewitter zieht auf. Um das so formenintensive und farbstarke Ölbild entbrannte unter Peter Graf zu Eltz als feinnervigem Auktionator ein lebhaftes Bietgefecht. Das Werk des 36-jährigen Expressionisten ging an einen Wiener Sammler, der auch Willi Baumeisters Metaphysische Landschaft (270.000 Euro) erwarb. Nach Baden-Württemberg in Privatbesitz gelangte, nicht minder heftig umworben, für 552.000 Euro Max Pechsteins Rettungsboot von 1911.

Noch temperamentvoller geriet die Entscheidung für Wilhelm Morgners Himmelfahrt. Das Bild erwarb für 360.000 Euro ein New Yorker Sammler. Auf der großen Angebotspalette dazu Qualität von Max Liebermann wie Der Wannseegarten und eine Tiergartenallee. Dazu Malerei, Aquarell, Grafik und Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel (mit dem munteren Kind in der Hängematte) Meditatives von Jawlensky, Intensives von Gabriele Münter (mit zwei schönen Stilleben), Filigranes von Lyonel Feininger.

Berliner Spezialitäten sind nicht nur mit Karl Hofer und Werner Heldt eindringlich vertreten. Unter dem Titel Heinrich Zille und das kritische Berlin präsentierte man nicht nur diesen Zeichner sozialer Missstände, sondern auch Otto Dix, George Grosz, Rudolf Schlichter, Jeanne Mammen.

"Endlich", so Bernd Schultz, "hat sich weltweit herumgesprochen, dass mit dem Expressionismus in Deutschland Weltkunst entstand. Endlich weicht die Last von NS-Verfolgung von dieser Kunst." Der Händler mit Leidenschaft und Bodenhaftung, Bürger mit Verantwortung, dessen Initiativen für die "Orangerie"-Kunstmesse wie für Berlin als Regierungssitz wichtig waren, konstatiert freudig, dass zur 100. Auktion mehr Liebhaber aus New York, Zürich, Wien nach Berlin kamen und "dass sich das Publikum dramatisch verjüngt". (Lorenz Tomerius/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)

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