Ein Fest als soziale Suchstation

19. Juni 2002, 23:26
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Analyse der Wiener Festwochen 2002: Prall, üppig, doch erweiterbar

Kaum jemals zuvor in den Annalen zeugte die schiere Bewältigung eines aus allen Nähten platzenden Festwochen-Programms so sehr vom Arbeitscharakter szenischer Kunst. Fleiß, dem ansonsten passiven Sitzfleisch als Imperativ aufgenötigt, wurde im Jahre 2002 zur verbindlichen Kategorie erhoben.

Wer auch nur einen annähernden Überblick über die rund 40 Premieren behalten wollte, hatte die Zerrüttung seiner häuslichen Verhältnisse sehenden Auges zu riskieren. Selten zuvor war das Thema der heilsamen Überforderung für die Festwochen derart konstitutiv. Wer sich dem Anspruch eines auf Vollständigkeit gegründeten Konsums entzog, musste dagegen mit Verlusten rechnen.

Luc Bondy und seine Schauspielbeauftragte Marie Zimmermann häuften wie die Nibelungen Szenisches auf. Aber sie trugen im gleichen Arbeitsschritt auch die Berge einer bloß auf Kolportage beruhenden Wertschätzung ab. Der szenische Sozialreport aus Irkutsk galt den beiden gleich viel wie das Wunderkammerspiel aus, sagen wir, Zürich. Die randständige Thematik mancher Abende bedurfte keines beschämenden Verweises in ein Programmgetto, wo das möglichst enge Stecken thematischer Grenzen von nichts als dramaturgischen Weihfestspielen zeugt.

Wer zeigt hier was?

Wenn man denn doch einen Tropfen Schierling in den Freudenbecher mengen möchte, so liegt dies an der Lauterkeit eines Blicks, der das künstlerische Anliegen sozusagen mit dem Zugriff auf fremdes Leben verrechnet. Denn immer noch müssen die Lebensnöte von Menschen aus dem Osten, die sich zunächst als Wachstumsverlierer erleben, die "Authentizität" von Verhältnissen belegen, denen jede Art von "künstlerischer Aufbereitung" äußerlich ist.

Zum Beispiel: Die aufrichtige Freude an dem wunderbaren Komödianten Jewegenij Grischkowez, der einen gedemütigten Matrosen der sowjetischen Hochseeflotte mimt, entbehrt jenes Verständnisses, das doch andererseits erst die Bedingung ist, um den Genuss an Grischkowez' Spiel um eine echte Einsicht zu bereichern.

Was wissen wir denn schon groß von der sowjetischen Marine und ihrem realen Symbolgehalt im Wechsel der Regimes und Mentalitäten? In einer solchen Versuchsanordnung muss naturgemäß der Eingeladene immer als der liebenswürdig bestaunte "Andere" herhalten; als unser Schatten, als der gute, wunderliche, ein bisschen verarmte Ost-Onkel oder wie das drohende Menetekel der eigenen, sehr oft nur noch besinnungslosen Kultur.

Denn natürlich wuchern die programmatischen Bezüge gerade auch dann, wenn man sie unter allen Umständen zu vermeiden trachtet. Natürlich spiegelt ein musikalischer Schostakowitsch-Abend genau jene Bruchlinien wider, an denen entlang der große, zurzeit konkurrenzlose Frank Castorf sich mit Der Meister und Margarita tastend bewegt - fort jedenfalls aus den geläufigen Zuschreibungen dessen, was das Stadttheater, diese nach wie vor unverzichtbare Tages- und Nachtstätte szenischer Blütenträume, üblicherweise zu leisten vermag.

Mit Fug sei deshalb ein Begriff aus dem Argumentationsschatz des Berliner Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann entlehnt: Auch die Festwochen täten gut daran, sich als "Agentur für die Befriedigung von Bedürfnissen" zu sehen - Bedürfnissen, die über die natürliche, sehr erfreuliche Schaulust der Wiener weit hinausreichen.

Das Grundbedürfnis läge vielleicht in der Schaffung von Orientierungshilfen: Die immer raschere Umkodierung originaler Kulturbesitztümer, das Zerflattern aller Übereinkünfte in einer gärenden Weltgesellschaft bedarf der Bearbeitung. Wer sonst als die Wiener Festwochen besäße dafür die ökonomischen Ressourcen und das erforderliche symbolische Kapital?

Was wird aus uns?

Nicht gemeint sind damit jene ratlos stimmenden, intellektuellen Aufschwünge, mit denen in vergangenen Spielzeiten Hortensia Völckers vor allem ihre rege Reisetätigkeit belegte. Auch sei nicht verschwiegen, dass die Schiene forumfestwochen ff einen Schritt in die angegebene Richtung bedeutet haben mag.

Doch seit Christoph Schlingensiefs wahnwitziger Container-Aktion hat kein Festwochen-Künstler mehr in die diskursiven Regelsysteme, die unsere Öffentlichkeit bestimmen, eingegriffen: mit Geistesgegenwart, Frechheit und der unbändigen Lust, öffentliche Gemeinplätze auch im Wortsinn zu besetzen.

Die Einrichtung einer solchen Agentur überstiege die oft nur noch lähmende Frage, ob die natürliche Einkaufsfreude der Festwochen-Macher einmal mehr, einmal weniger schöne Früchte zeitigt - heuer zeitigte sie einige besonders vollsaftige, mit Michael Thalheimers stupender Liliom-Deutung obenan.

Vielleicht bekämen die Festwochen dann auch wieder ein natürliches Herz, ein rege pochendes Zentrum. Denn die Hallensituation im Museumsquartier ist nach wie vor eine unerquickliche; die Debatte um die Bestimmung des Theaters an der Wien offener denn je.

Man soll sich also von Herzen darüber freuen können, gleich drei Luc-Bondy- Inszenierungen in einem Jahr vorgesetzt zu bekommen. Es gilt die Devise: Hier kocht der Chef! - Doch die Verankerung eines Millionenfestivals im Diskurs vertrüge mehr als die gesunde Überforderung mit der Gewalt der Zahl. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2002)

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