Afghanistans Mann mit Eigenschaften

14. Juni 2002, 19:48
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Seine Rede an die Loya Jirga (Große Versammlung) nach seiner Wahl zum Präsidenten Afghanistans war ein integratives Meisterstück: Hamid Karsai sprach teils in Paschtu, teils in Dari (ostiranisch), machte seine verbalen Verbeugungen vor allen ethnischen Gruppen des Landes und erwähnte deren gefallene Helden, würdigte die noch lebenden Mudjahedin für ihren Kampf gegen die Sowjetunion, sogar für die "guten Absichten" der ersten Taliban fand er freundliche Worte.

Bei Pakistan und Iran bedankte sich Karsai für die Aufnahme von Hunderttausenden afghanischer Flüchtlinge über Jahre hinweg. Er persönlich steht jedoch besonders bei den USA in der Schuld: Sie haben ihn im Dezember bei der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg als Interimspremier quasi erfunden, ihr Emissär Zalmay Khalilzad stand auch in der Loya Jirga in den Kulissen.

Aber die USA haben gewiss schon Unwürdigere erkoren: Karsai (45), von Paschtunenadel aus Kandahar stammend, ist ein gebildeter (sechs Sprachen) und weltgewandter Mann, dem schicke Orientfummel genauso gut stehen wie Gucci-Anzüge (weswegen er auch jahrelang der Gucci-Mudjahedin-Fraktion zugerechnet wurde).

Den Respekt derjenigen Afghanen, denen seine mondänen Eigenschaften nichts sagen, verdiente Karsai sich vorigen Oktober durch das Bravourstück einer Motorradfahrt vom pakistanischen Quetta (wo die Familie seit der Sowjetinvasion lebte) in die Talibangebiete zum Zwecke der Anzettelung eines Aufstands. Das Abenteuer kostete ihn beinahe das Leben, US-Hubschrauber holten ihn da heraus.

Karsai hat mehrere Geschwister in den USA, wo auch er sich jahrelang aufhielt. Ob er - wie Khalilzad - tatsächlich einmal als Berater für die US-Ölfirma Unocal arbeitete, die unter den Taliban in Afghanistan eine Pipeline bauen wollte, lässt sich nicht verifizieren, Le Monde hat das jedenfalls geschrieben.

Wie Washington hatte jedenfalls auch er anfangs auf die Taliban als stabilisierende Kraft für Afghanistan gesetzt, das er nach einer kurzen Zeit als Vizeaußenminister (1992 bis 1994) verließ, als die islamistischen Warlords einander zu zerfleischen begannen: "Ich gab den Taliban 50.000 Dollar und händigte ihnen einen Haufen Waffen aus, die ich versteckt hatte", pflegt er sehr offen zu erzählen. Die Sympathie war aber bald verflogen angesichts der Hintermänner - zuerst der pakistanische Geheimdienst, später "die Araber" - und der Menschenrechtsverletzungen.

1999 ermordeten die Taliban Karsais Vater, der Sohn folgte ihm als Oberhaupt des Popalsai-Clans mit etwa 500.000 Mitgliedern nach. Er selbst hat keine Kinder, seit einigen Jahren ist er mit der Ärztin Zinat verheiratet. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16. Juni 2002)

Von Gudrun Harrer
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    Hamid Karsai, von der Loya Jirga gewählter Präsident Afghanistans

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