Die täglichen Fluchtwege

15. Juni 2002, 09:00
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Seismografin wienerischer Abgründe: Elfriede Gerstl , die Dichterin der Bewegung

Als Seismografin wienerischer Abgründe betreibt sie zugleich eine Fetzenkunde der Großstadt: Elfriede Gerstl, die am Sonntag ihren 70. Geburtstag feiert, ist die Dichterin der Bewegung: auch im Widerstand gegen die eigene Kindheit.

Elfriede Gerstls Werk entfaltet in kunstvollem Beiseitesprechen ("Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen", meint sie) eine Schnipsel-Welt als Widerstand gegen die Schnitzelwelt, die sie seit 70 Jahren in Wien bedrohlich umgibt (nicht nur im kulinarischen, sondern auch in einem politischen Sinne - als Breitklopfen von Bewusstsein).

Titel wie Kleiderflug stellt sie dieser Schwere entgegen (1995). "Andere entwerfen eine Welt, sie aber hat nur einen Spielraum", meinte Heimrad Bäcker in seinem Nachwort zu Gerstls Hauptwerk Spielräume und konzedierte ihr weiters, "die große Unordnung und Pausen an Ordnung" ins Wort zu bringen."

Dieses Werk, gruppiert um "die Pausen an Ordnung" herum, lässt sich nicht nahe bringen ohne Elfriede Gerstls Biografie. Viele Sätze wirken nämlich auf den ersten Blick einfach, wenn etwa in Gedichten von Schlaflosigkeit gesprochen wird, von tropfenden Wasserhähnen und "barbarischen Waschvorgängen" beim Nachbarn, von Essensverweigerung oder Unstetigkeit. Dahinter liegen aber viele weitere Dimensionen, die Elfriede Gerstl in scheinbare Alltagssprache "herunterdekliniert", gesprochen vor einem unausgesprochenen biografischen Echoraum.

Deshalb könnte zum Einstieg in Gerstls Welt ihr Essay Das kleine Mädchen, das ich war (1981) dienen, abgedruckt im eben erschienenen Dossierband des Droschl-Verlags: In den ersten drei Jahren in einer großbürgerlichen Wohnung am Parkring, im Haus des 1932 berühmten Café Korso, schien ihr "der Flur mit meinem ersten Dreirad fast endlos durchfahrbar".

Doch der Vater, der in seiner Zahnarztpraxis Kindern Micky-Mouse-Filme vorführte, verführte ältere (und größere) Frauen allzu gerne: Scheidung 1937, Elfriede lebt fortan mit ihrer jüdischen Mutter, mit Großmutter und Tante (diese liebte Hüte, Trödel, Freiheit - wie Gerstl bis heute) zusammen, überängstlich behütet in einem perfekten System von Hypochondrien.

Wohnungsversteck

Die Ängste wurden, auf andere Weise, wahr: 1938 blieben die Frauen "aus Unentschlossenheit" in Wien. Der Deportation entgingen sie nur, weil die Mutter sich mittels einer Attestsammlung am betreffenden Tag krank stellte und sie sich dann, "deportiert stellend", in der eigenen Wohnung versteckten. Sie überlebten. Wohnungen blieben für Gerstl aber ein Problem: 1963 noch lebte sie, mit Mann und kleiner Tochter, bei ihrer Mutter - und flüchtete per Autostopp nach Berlin; seit 1978 erst bewohnt sie die Innenstadt - eigentlich aber, wie auch Ilse Aichinger aus vergleichbarem Schicksal heraus, nur auf Durchreise: in Bars, Kaffeehäusern, unstet durch die Nächte treibend.

Gerstl spürte im Nachkriegs-Wien schnell, dass Anschluss an kulturelle Gruppen nur durch Unterwerfung unter Vatergestalten zu haben war, was sie verweigerte: Hermann Hakel regierte in der Urania, Hans Weigel im Café Raimund. Der berühmte "Artclub" blieb ihr verschlossen, denn auch die Wiener Gruppe war ein Männerbund. Vor allem Konrad Bayers Prosa aber prägte Gerstl, die ihm weibliche Spielräume zugesellte:

Herbert J. Wimmer arbeitete für Gerstls zwischen 1963 und 1969 entstandenes Hauptwerk die Spannung der nicht gelingenden Kommunikationen heraus, auch verborgenes Leben. - Im Nichtgelingen dennoch zu gelingen, im Unsteten unbestechlich, in der Angst genau zu bleiben: Das ist Elfriede Gerstls Leistung.

(Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,15.6.2002)
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