Jeder hat das Recht auf einen schönen Mord

27. Juli 2004, 17:14
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Robert Altmans "britischer" Ensemblefilm

Wien - "Der Mörder ist immer der Gärtner": Dieser mitunter strapazierte und dann meist heiter vorgetragene Spruch trägt schon so etwas wie eine Ahnung eines Verhängnisses in sich. Ebenjene Person, deren Funktion es ist, eine Inszenierung von Behaglichkeit und Wohlstand nach außen zu tragen, fühlt möglicherweise genug Unzufriedenheit oder Rachsucht, um die Idylle empfindlich zu stören.

Andererseits: In den "aristokratischen" Whodunnits und "Country House Murder Mysteries", wie sie etwa Agatha Christie gerne schrieb - da morden doch bevorzugt die betuchteren Charaktere. Nicht zuletzt deshalb, weil bei abschließenden Gesprächen am Kaminfeuer, bei denen der Detektiv oder Inspektor den Täter überführt, kaum jemals Dienstpersonal zugegen sein darf. Es ist oft, als wäre die Upperclass auch in Hinblick auf die Möglichkeit zu gefinkeltem Morden privilegiert. US-Regisseur Robert Altman, der kein großer Fan von Standesdünkel, aber ein umso größerer Liebhaber von kleinen und großen Verbrechen als Ausgangspunkt für Erzählungen ist - er versucht nun, dem Genre des britischen Ensemblekrimis neue Facetten abzugewinnen:

Zum einen beweist der mittlerweile 77-jährige Filmemacher in Gosford Park, dass sich auch in einem Landhaus des Jahres 1932 Schicksale verschränken können wie in den Altman-Klassikern Nashville, The Player oder Short Cuts. Weiters kommt rund um eine etwas dekadente Wochenendgesellschaft auch der Kreis jener zur Sprache, die in den Dienstbotenzimmern und Küchen die Maschinerie am Laufen halten. Drittens wird schon im Drehbuch von Altman und Bob Balaban der schwelende Hass zwischen diversen Protagonisten nur Teil der erotischen Anspannung, die fast alle Konversationen belastet.

Gosford Park ist in diesem Sinne auch eine vielstimmige Variation über einen "schönen Schein", der nicht nur dann in sich zusammenfällt, wenn plötzlich Gutsherren tot und mit leerem Blick an die Decke von Bibliotheken starren. Und mit der Gelassenheit eines Alterswerks ist der Film nicht zuletzt vor allem ein wunderbares Ensemblestück: Nicht im Sinne von früheren Agatha-Christie-Verfilmungen wie Tod im Orient Express, wo Stars zu Knallchargen verkommen, sondern als Chance für gute Charakterdarsteller, gerade in trivialeren Kontexten Wahrhaftigkeit zu finden. Etwa bei obligaten Missverständnissen zwischen US-Amerikanern und Briten: "Ich hoffe, dass Sie okay sind." "Dass ich was bin?"

Wir sagen also nur: Mehr als okay sind: Kirstin Scott Thomas! Maggie Smith! Jeremy Northam! Alan Bates! Derek Jacobi! Emily Watson! Richard E. Grant! Und und und! Wer von ihnen der Mörder ist, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Gärtner gibt es in Gosford Park perfiderweise nicht. Zumindest kommt im Film keiner vor. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.6.2002)

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