"Lernen von Erholung trennen"

14. Juni 2002, 14:09
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Weiterbildung in der Freizeit boomt wie nie - Ein Gespräch mit Peter Zellmann, dem wissenschaftlichen Leiter des Wiener Instituts für angewandte Freizeitwissenschaft

STANDARD: Hat die Weiterbildung in der Freizeit in den letzten Jahren an Attraktivität zugenommen?

Zellmann: Ja, absolut - regelmäßige berufliche Weiterbildung ist eine der wenigen wirklich boomenden Freizeitaktivitäten. Das kommt gleich nach den Spitzenreitern Fernsehen und Radio, Zeitung und Illustrierte lesen und telefonieren mit dem Handy in der Freizeit.

STANDARD: Viele nutzen dazu auch ihren Urlaub. Sollte man in den Ferien aber nicht besser nur abschalten und entspannen?

Zellmann: Da muss man zwischen den Begriffen Urlaub und Ferien trennen: Der fünf-bis sechswöchige Gebührenurlaub sollte unbedingt einen Ferienanteil haben, der lernfrei ist, und der andere Teil kann zur Weiterbildung verwendet werden. Ein oder zwei Wochen gezielt zum Lernen zu nutzen ist okay, aber den Erholungsurlaub sollte man im Sinne der Lebenszufriedenheit davon strikt trennen. STANDARD: Man sollte also zum Beispiel nicht ausschließlich einen Sprachurlaub buchen, sondern eine Erholungswoche zum Nichtstun dabei mit einplanen?

Zellmann: Sprachen sind eine Ausnahme - die fallen wie Sport unter das so genannte Kontrastlernen, das den Erholungswert nicht beeinträchtigt. Kontrastlernen ist auch in den Ferien möglich, es sollte aber dann jedenfalls etwas ganz anderes sein, das man im Alltag vielleicht so gar nicht anwendet.

Anders ist das beim Komplementärlernen, wo ich ein Defizit im Arbeitsalltag habe, das ich ergänzen möchte. Das ist aber dann ein dynamischer, laufender Prozess - dazu kann man eine Bildungsurlaubswoche gut verwenden, in der ich meine arbeitsfreie Zeit bewusst nur für Weiterbildung verwende, aber eben nicht für Ferien oder Erholung.

STANDARD: Was sollte man beim Lernen in den Ferien beachten, um dabei auch wirklich erfolgreich zu sein?

Zellmann:Wichtig ist, dass man es freiwillig macht, und es muss abgeschlossen sein, denn sonst schafft es nach den Ferien Unzufriedenheit. Das kann ein zweiwöchiger Kurs oder etwa auch ein Buch sein, das man durcharbeitet. Aus den Ferien sollte man jedenfalls keine Verpflichtungen in den Alltag mitnehmen - wenn der lange Arm des Freizeitlernens in den Job hineinreicht, dann hat man sich selbst damit nichts Gutes getan.

Die wichtigste Voraussetzung, wenn man mit Weiterbildung Erfolg haben will, ist aber, konsequent zwischen Kontrast- und Komplementärlernen zu trennen - das wird viel zu häufig vermischt, und dann hat man sich weder richtig erholt, noch ist mit dem Lernen wirklich etwas weitergegangen.

STANDARD: Das heißt, sie halten auch nichts von Kombiangeboten, die Urlaub und Lernen verbinden?

Zellmann: Da kommt es schon sehr auf den Inhalt an: Das geht bei allgemeinen Bereichen wie Sprachen, Sport oder Biologie. Aber bei der klassischen Wissensaneignung, also bei Fortbildung, die strikt berufsbezogen ist, funktioniert das nicht. Man kann das nicht mit Ferienstimmung vermischen, weil der Mensch Übergänge braucht: von der Arbeits- in die Freizeit, noch mehr von der Arbeitszeit in den Urlaub. (Isabella Lechner/DER STANDARD, Printausgabe)

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