Einflussfaktor Nietzsche

16. Juni 2002, 20:17
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Zwischen nationalsozialistischer Vereinnahmung, jüdischer Kultur und Fin-de-Siecle: Symposium "Nietzsche and the Austrian Mind"

Wien - Friedrich Nietzsches (1844 bis 1900) Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus eilt dem Philosophen als unrühmliche Fama voraus. Die weniger verbreitete Tatsache, dass Nietzsche auch großen Einfluss auf die jüdischen Künstler und Denker des Wiener Fin-de-Siecles ausübte, soll das von der Universität Wien zusammen mit dem Austrian Center der Hebrew University in Jerusalem organisierte internationale Symposium "Nietzsche and the Austrian Mind" (19. bis 21. 6.) beleuchten. In der Aula des Unicampus im alten AKH referieren Wissenschafter aus den USA, Großbritannien, Israel, Ungarn und Österreich.

Bezüge

Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Karl Kraus, Otto Weininger, Sigmund Freud oder Theodor Herzl - sie alle beziehen sich in ihrem Werk oder in persönlichen Lebenseinstellungen auf Nietzsches Philosophie. Speziell in den Jahren der Emigration gewann der deutsche Verfechter der unbedingten Lebensbejahung für die vertriebenen jüdischen Künstler und Intellektuellen große Bedeutung. Die gerade im Bereich der Musik oftmals missachtete Rauschhaftigkeit der (österreichischen) Moderne stützt sich unmittelbar auf Nietzsches in der "Geburt der Tragödie" postulierten, der apollinischen Rationalität entgegengestellten Dionysos-Kult, wenn auch die ästhetischen Systeme der einzelnen Künstler Nietzsche in unterschiedlichem Ausmaß adaptieren. "Die Trunkenheit der Phantasie eines Künstlers, sei sie dionysisch oder apollinisch, erhöht die Klarheit seiner Vision", schrieb Schönberg.

Die Wirkung Nietzsches auf die genannten Künstler und Denker ist vielgestaltig: Beispielsweise nimmt die Nietzscheanische Übermacht des Unbewussten über das schwächelnd-kränkliche Ich Freud'sche Grundideen der Psychoanalyse und damit zugleich auch die Innenschauen des literarischen Freud-Pendants Schnitzler vorweg; die Umwertung aller Werte und den Antifeminismus treibt Otto Weininger weiter; Mahler nimmt mit Zarathustras Mitternachtslied die Idee der Ewigen Wiederkehr in seine dritte Symphonie. Die umfassenden Aspekte des vielschichtigen Einflusses erkunden nun die sechs Sessions des Symposiums.

Veranstaltungen

Zum Auftakt widmet sich im Zuge der Wiener Vorlesungen am 18. 6. (18 Uhr) im Kleinen Festsaal der Universität unter anderem der Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann der "Anhaltenden Provokation von Nietzsches Denken". Die erste Symposiums-Session "Dionysus and Decadence" widmet sich nach den Eröffnungsreden (19. 6., 9.30 Uhr) von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), dem Rektor der Universität Wien Georg Winckler und Robert Wistrich vom Center for Austrian Studies unter anderem Nietzsche und der Krise der Moderne. Nietzsche, Freud und Karl Kraus als Rebellen und Bilderstürmer stehen am Nachmittag des ersten Tages am Programm.

"Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" - Das in diesem Zitat fokussierte kontroversielle Frauenbild Nietzsches wird in der dritten Session verhandelt (20. 6., 9 Uhr). Nietzsche, Weininger und die Konsequenzen sowie Vorträge zum kosmopolitischen Denken Nietzsches, der allen deutschtümelnden Interpretationsversuchen zum Trotz sich als Europäer sah und die Deutschen ob ihrer Humor- und Lustlosigkeit aufs Korn nahm, beschließen den zweiten Symposiums-Tag.

Zum Abschluss (21. 6., 10 Uhr) ist unter dem Thema "Nietzsche und die Musik" von Nietzsche komponierte Musik zu hören; Nike Wagner hält den Abschlussvortrag "Nietzsche komponieren". (APA)

"Nietzsche and the Austrian Mind".
19. bis 21. 6., Aula des Universitätscampus, altes AKH, Hof 1. Anmeldung unter 795 30 - 57
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