Diplomatische Krise zwischen China und Südkorea

14. Juni 2002, 12:16
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Heftiger Protest Seouls gegen Festnahme von Flüchtlingen - Verstoß gegen Wiener Konvention

Seoul/Peking - Die Festnahme eines Zuflucht suchenden nordkoreanischen Flüchtlings durch die chinesischen Behörden auf exterritorialem Gebiet der südkoreanischen Botschaft in Peking hat zu einer diplomatischen Krise zwischen Südkorea und der Volksrepublik China geführt. Der chinesische Botschafter Li Bin wurde am Freitag in das Außenministerium in Seoul zitiert. Der stellvertretende Außenminister Kim Hang Kyung verlangte die Überstellung des festegnommenen Nordkoreaners, wie ein Ministeriumssprecher mitteilte. Außerdem fordert Seoul eine offizielle Entschuldigung von China wegen des Eindringens chinesischer Wachsoldaten auf das Botschaftsgelände.

Fluchtversuch

Bei einem neuerlichen Fluchtversuch von zwei Nordkoreanern in die Botschaft Südkoreas in Peking war es am Donnerstag zu einem schweren Zwischenfall gekommen. Ein südkoreanischer Diplomat und eine chinesische Botschaftsmitarbeiterin seien verletzt worden, als chinesische Wachsoldaten einen der Nordkoreaner gewaltsam abführten, berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Botschaftsangehörige hätten versucht, den Abtransport zu verhindern.

Wachsoldat ohne Erlaubnis auf Botschaftsgelände vorgedrungen

Südkorea protestierte gegen den flagranten Verstoß gegen die Wiener Konvention von 1961 über die Unantastbarkeit diplomatischer Vertretungen. Ein Diplomat berichtete, ein Wachsoldat sei ohne Erlaubnis auf das Botschaftsgelände vorgedrungen, nachdem sich ein nordkoreanischer Mann mit seinem Sohn den Weg in die Visaabteilung gebahnt hätte. Ohne Erlaubnis einzuholen, sei ihnen der Wachmann gefolgt und habe den Vater gepackt und abgeführt. Wie ein Sprecher des Außenministeriums in Peking erklärte, sei eine "Anweisung" an alle ausländischen diplomatischen Einrichtungen gegangen, etwaige nordkoreanische Botschaftsflüchtlinge den chinesischen Behörden zu übergeben.

China hat seit März 38 nordkoreanischen Botschaftsflüchtlingen die Ausreise erlaubt. Jetzt fordert Peking aber die Übergabe von Flüchtlingen an die Behörden und sagt nur zu, die Fälle nach internationalem und chinesischem Recht und in einem "humanitären Geist" lösen zu wollen. In China leben nach Schätzungen mehr als 150 000 Nordkoreaner im Untergrund, die vor Hunger und Verfolgung geflüchtet sind. China erkennt sie nicht als Flüchtlinge an und schiebt sie bei einer Ergreifung nach Nordkorea ab, wo ihnen Haft und strenge Strafen drohen.

Die Festnahme nordkoreanischer Flüchtlinge im japanischen Konsulat in Shenyang in Nordostchina hatte schwere diplomatische Spannungen zwischen China und Japan ausgelöst. Der chinesische Botschafter in Tokio wurde ins Außenministerium zitiert.(APA/dpa)

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