Chirac-Lager geht als Favorit in die Stichwahl

14. Juni 2002, 16:17
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Letzte Umfrage vor Wahl zeigt bürgerliche Rechte vor absoluter Mehrheit in Nationalversammlung

Paris - Die bürgerlichen Parteien um Präsident Jacques Chirac gehen als haushohe Favoriten in die Stichwahl zur französischen Nationalversammlung: Vor dem entscheidenden Urnengang am Sonntag untermauerten letzte Umfragen und Prognosen am Freitag den klaren Vorsprung von Konservativen und Liberalen vor der Linken. Eine Prognose für die Tageszeitung "Le Figaro" ergab für Chiracs neue Sammlungsbewegung "Union für die Präsidentenmehrheit" (UMP) eine absolute Mehrheit von 384 bis 414 der 577 Mandate. Damit dürften die Rechts-Bürgerlichen nach fünf Jahren in der Opposition den Machtwechsel in Paris schaffen.

Die letzte veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos vor der Wahl wies den Chirac-Anhängern und anderen Rechts-Bürgerlichen in den als unsicher geltenden 198 Wahlbezirken einen Stimmenvorsprung von sechs Prozentpunkten aus. Sie können auf 53 Prozent der Stimmen hoffen, die Linke auf 47 Prozent. Das in Frankreich geltende Mehrheitswahlrecht hat zur Folge, dass sich daraus eine überwältigende Mehrheit der Mandate ergeben kann. In jedem Bezirk wird ein Abgeordneter gewählt.

Koalitionspartner

Der "Figaro"-Prognose zufolge können die Zentrumsliberalen der UDF von Francois Bayrou auf 24 bis 30 Sitze hoffen. Damit dürften sie zwar erneut in Fraktionsstärke in der Nationalversammlung vertreten sein, die von Bayrou angepeilte Rolle als kleiner Koalitionspartner und Zünglein an der Waage bliebe der UDF aber wohl angesichts der absoluten UMP-Mehrheit versagt. Zahlreiche UDF-Vertreter hatten sich wie die Chirac-Partei RPR und die rechtsliberale Democratie Liberale von Premierminister Jean-Pierre Raffarin der UMP angeschlossen.

Den in den vergangenen fünf Jahren zusammen mit Kommunisten, Grünen und Radikalen Linken regierenden Sozialisten des Ex-Premierministers Lionel Jospin werden der Prognose zufolge nur noch 115 bis 145 Mandate zugetraut. Damit dürfte Sozialistenchef Francois Hollande zum Oppositionsführer werden. Der Kommunistischen Partei werden 14 bis 22 Mandate zugetraut. Sollten sie weniger als 20 Sitze erhalten, hätten sie erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg nicht einmal Fraktionsstärke erreicht. Die Grünen können höchstens auf fünf Mandate hoffen.

Unsicherheitsfaktor

Die rechtsradikale Front National, die in der ersten Runde landesweit gut elf Prozent der Stimmen bekam, steht in 37 Bezirken in der Stichwahl, wird aber voraussichtlich keinen Abgeordneten stellen. Im ersten Wahldurchgang waren am vergangenen Sonntag bereits 58 Mandate und damit ein Zehntel der Sitze vergeben worden. 56 Mandate gingen an Rechts-Bürgerliche, davon 46 an Chiracs UMP. Die Sozialisten errangen zwei Mandate.

Als Unsicherheitsfaktor bei Frankreichs viertem und letztem Wahlgang in diesem Jahr - nach den beiden Runden der Präsidentschaftswahl und der ersten Runde der Parlamentswahl - gilt die Zahl der Nichtwähler in den 519 noch offenen Wahlbezirken. Vergangenen Sonntag waren knapp 35,6 Prozent der Wahlberechtigten nicht in die Wahllokale gegangen, so viele wie noch nie in Frankreichs Fünfter Republik. Nach einer Umfrage für die Pariser Tageszeitung "Le Monde" vom Samstag ist auch beim zweiten Wahlgang mit vielen Nichtwählern zu rechnen. (APA/Reuters)

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