Wertewandel oder: Ohrfeigen vom Schwan

14. Juni 2002, 21:00
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14. Juni 2002

George Dabblju hat mit seinem Aufruf an die Welt ganz Recht: Schlagt die Terroristen, wo ihr sie trefft, und wenn ihr sie nicht trefft, erst recht. Aber ungewollt zeugt die Achse des Bösen auch Gutes, und das nicht verschwiegen zu haben, stellt der Unabhängigkeit der "Kronen Zeitung" ein schönes Zeugnis aus. Ein österreichweites Phänomen -9 Monate nach Terroranschlag: Mehr Babys nach dem 11. September titelte sie Mittwoch, um im Blattinneren die Verkündigung patriotisch zu präzisieren: Der 11. September 2001 hat die ganze Welt gelähmt - und bei den Österreichern offensichtlich einen Wandel der Werte bewirkt. Versöhnliches Ergebnis des Zusammenrückens neun Monate nach dem Terror: Es kommen wieder mehr Babys zur Welt, ab Juni vereinzelt sogar bis zu 50 Prozent mehr als im Sommer des Vorjahres.

Mit dieser Reaktion der Österreicher hat Osama Bin Laden bestimmt nicht gerechnet: Er bombt, wir zeugen zurück. Ein Konnex, den sich die "Krone" von seriöser Seite bestätigen ließ. Für den Primar vom LKH Hartberg (zeugungsmäßige Steigerung 20 Prozent) liegt der Zusammenhang mit dem Terror in den USA auf der Hand, was ein Linzer Psychologe (Linzer Landes-Frauenklinik 6,5 Prozent plus) bestätigt. "Die Menschen besinnen sich wieder auf den Ursinn des Lebens, rücken zusammen, suchen Liebe." Materialismus, jedes Jahr ein neues Auto und die Jagd nach Luxus schmecken plötzlich schal.

Der Mann hat Recht: Die Zahl der Autozulassungen geht zurück, was nicht das geringste mit der Konjunktur zu tun hat. Die Österreicher besinnen sich wieder auf den Ursinn des Lebens. Vor allem: "Es wird vielen bewusst, wie schnell alles vorbei sein kann. Da erwacht auch der Urtrieb, sich fortzupflanzen, etwas von sich weiterzugeben."

Das Bewusstsein, wie schnell alles vorbei sein kann, hat im durchschnittlich zeugungsfähigen Österreicher bisher gewöhnlich den Urtrieb zur Frühpensionierung geweckt, aber seit Al-Qa'ida ihn zur Besinnung auf den Ursinn des Lebens genötigt hat, wird er rebellisch und will etwas von sich weitergeben. Wenn Bin Laden noch ein paar Mal zuschlägt, wimmelt es hier wie in Bangladesh, und sogar die FPÖ muss zugeben, dass ihr Kindergeld eine überflüssige Maßnahme war.

Aber auch österreichische Schwäne haben sich, wie die "Krone" vermeldete, nach dem 11. September auf den Ursinn des Lebens besonnen und einem Frühpensionisten in der Panozzalacke zu verstehen gegeben, wie schnell alles vorbei sein kann. Schwan-Attacke: 7 Knochenbrüche war der Aufmacher zu Wochenbeginn. Einen verzweifelten Kampf musste sich ein 57-jähriger Pensionist in der Wiener Lobau liefern - mit einem ausgewachsenen Schwan! Das Vogelmännchen wollte seine Jungen gegen den vermeintlichen Nesträuber schützen: Es griff den Schwimmer sofort an.

Angegriffen wurde der Schwimmer ferner von einem Wiener Leser des Früh- und Spätpensionistenblattes, der zu dem Ereignis Folgendes einsandte: Ein 57-jähriger Ingenieur, der sich zu schwach zum Arbeiten fühlt, aber stark genug zum Baden in einem Wildgewässer ist, erhielt von einem Schwan die wohlverdienten Ohrfeigen. Diese Attacke ist sicher die gerechte Strafe für einen ungerechten vorzeitigen Ruhestand.

So viel zum Wertewandel nach dem 11. September in Österreich. Ganz ohne die sinnstiftende Beihilfe Osama Bin Ladens werden hin- gegen ausländische Frauen schwanger, wie "NEWS" berichtete - oder auch nicht, wie "NEWS" gleichzeitig berichtete. Wie immer es ausgeht, die Fellners werden wieder einmal alles lange vor allen anderen exklusiv berichtet haben. Den Beweis der Gravidität in den Fällen Verona Feldbusch, Chelsea Clinton und Madonna erbrachte das Magazin dadurch, dass es auf Fotos der Trägerinnen seiner guten Hoffnung dort, wo Schwangerschaften ab einem gewissen Stadium sichtbar werden könnten, jeweils einen roten Kreis markierte und diese Montagen dann dem Vorstand der gynäkologischen Abteilung im Krankenhaus Lainz zur Diagnose vorlegte.

Diese seriöse Vorgangsweise erschien "NEWS" geboten, denn: Statt Frohbotschaften hagelt es Dementis. Von Madonna bis Verona Feldbusch. Was ist nun dran an dem runden Glück? Bei Madonna sah es der Gynäkologe schon ziemlich eindeutig und sparte nicht mit Rat an die 44-Jährige: Das Alter ist kein Risiko, deshalb ist von einer Schwangerschaft auch nicht abzuraten. Jetzt Krankenschein einschicken, Madonna!

Für Frau Feldbusch hatte der Arzt eher diätetisch-modischen Rat bereit. Es kann durchaus sein, dass sie nur zu viel gegessen hat. Das hautenge Kleid ist für den Fall aber jedenfalls schlecht gewählt. Eher dunkel das fachärztliche Gutachten für die Tochter des Unholds, die in Oxford beim Erwerb eines Schwangerschaftstests zum Vorteilspreis von 15 Euro ertappt wurde: Als Indiz für eine mögliche Schwangerschaft ist das nicht zu werten.

Nicht überall zeigt man es so ungeniert, wenn der Urtrieb erwacht, sich fortzupflanzen, wie hierzulande. (DER STANDARD; Printausgabe, 14.6.2002)

Von Günter Traxler
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