Ungebremste Energie trotz Blindheit: Großbritanniens Innenminister David Blunkett

13. Juni 2002, 19:45
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Londons harte Hand in der EU-Asylpolitik

Armen Immigranten, die nach Europa kommen, könnte David Blunkett durchaus als Vorbild dienen. Nicht, weil der 55-Jährige, der jetzt als britischer Innenminister eine koordinierte, vor allem aber verschärfte Einwanderungspolitik in der EU vorantreibt, selbst ein Flüchtling gewesen wäre. Vielmehr deshalb, weil er seit seiner tristen Kindheit einen beeindruckenden sozialen Aufstieg vollbracht hat.

Das ist, wovon wohl jeder träumt, der aus ökonomischen Gründen sein Glück in Europa sucht.

Ohne Augenlicht und in ärmlichen Verhältnissen geboren, mit zwölf Jahren durch den Tod des Vaters Halbwaise, besuchte er zuerst die Blindenschule und machte dann am Abendgymnasium seine Matura. Blunkett studierte Politikwissenschaften und engagierte sich nebenbei in der Labour Party. 1997 zog er dann in die erste Regierung Tony Blairs als Erziehungsminister. Nach Blairs Wiederwahl wurde Blunkett Innenminister und ist damit für das große aktuelle Problemthema Immigration zuständig.

Im Februar wurden es für den Minister wirklich brennende Probleme: Da zündeten nämlich abgewiesene Asylbewerber ihre bewachte Unterkunft an und flüchteten. Neue Pläne für "Unterkunftszentren" für Asylbewerber, deren Anträge bearbeitet werden, trugen Labours Mann für die Politik der harten Hand nun in dieser Woche Kritik aus der eigenen Partei ein. Lord Taylor of Warwick, der einzige schwarze Konservative im Oberhaus, sprach gar von "Konzentrationslagern".

Die wirklich schwierigen Gegner des Ministers saßen aber bisher vor allem in Paris. Seit Monaten verlangt er von den Franzosen, dass sie die Einreise von illegalen Immigranten durch den Eurotunnel endlich unterbinden.

Zu Blunketts Image als scharfer Asylpolitiker trug ein vertrauliches Papier bei, in dem er und Blair sogar Patrouillen von Kriegsschiffen und Abschiebungen in Fliegern der Luftwaffe beim Feldzug gegen die illegale Immigration in Betracht zogen.

Vielleicht wird Blunkett auch das Einwanderungsproblem am Ende mit seiner beeindruckenden Energie zumindest entschärfen. Von seiner Blindheit lässt er sich jedenfalls in nichts bremsen. Dabei macht die Übersetzung in Brailleschrift seine Aktenberge dicker als üblich. Schon deshalb lässt der Minister sich das meiste auf Band sprechen - und hört die Kassetten dann mit doppelter Geschwindigkeit ab, um Zeit zu sparen.

Vor wenigen Tagen kündigte der Musik- und Poesieliebhaber allerdings an, sich mehr Zeit für sich zu nehmen. Es wird daher gemunkelt, dass da eine neue Frau in seinem Leben aufgetaucht sei. Dabei trägt der Vater von drei Söhnen auch 15 Jahre nach seiner Scheidung noch den Ehering - wohl, um zu zeigen, dass er mit seinem Job verheiratet ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2002)

Jörg Wojahn
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