Bush macht es spannend

13. Juni 2002, 19:42
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Die Meinungsunterschiede in der US-Regierung zum Nahostkonflikt sind dramatisch

George Bush macht es spannend. Der US-Präsident lässt die internationale Gemeinschaft auf seine fälligen programmatischen Worte zum Nahen Osten warten. Konferenz wann und wozu, Palästina ja oder nein, Arafat weg oder dableiben, Siedlungen pfui oder nicht so schlimm, 1967er-Grenzen zumutbar oder nicht: In der jüngsten Zeit war die Haltung des mächtigsten Mannes der Welt - sagen wir es einmal höflich - stark davon geprägt, mit wem er gerade gesprochen hatte.

Was dazu geführt hat, dass der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon seine Frequenz von Washington-Besuchen zuletzt erhöht hat. Und da vom Einfluss des saudischen Außenministers, der Bush am Donnerstag besuchte, Schlimmes zu erwarten war, ließ Sharon laut Meldung der israelischen Tageszeitung Ha'aretz prompt zwei seiner Berater in Washington zurück, die potenzielle Umfaller Bushs verhindern sollten.

Bushs Regierungsmannschaft ist da anders gestrickt. Die - zum Teil krass unterschiedlichen - Positionen der einzelnen Personen sind insofern stimmig, als sie immer die gleichen Schlagseiten haben. Die Falken und die Tauben korrigieren einander ständig, das ist man bereits gewohnt.

Aber es war eine Premiere, als Außenminister Colin Powell Bushs gemeinsamen Schmuseauftritt mit Sharon - bei dem der US-Präsident einen Zeitplan für einen Palästinenserstaat verwarf - einfach ignorierte und der arabischen Zeitung al-Hayat ein Interview gab, in dem er genau die gegenteilige Meinung vertrat; dass nämlich zumindest ein provisorisches "Palästina" durchaus ein Projekt für die nahe Zukunft sein sollte.

Ziemlich schrill fiel dann auch der Ordnungsruf des Weißen Hauses aus. Überspitzt formuliert, ließ Bush (oder wer auch immer) Folgendes ausrichten: Powell fantasiert da etwas zusammen von dem, was ihm "andere Regierungschefs" sagen.

Und nun wartet alles auf die klärenden Worte Bushs, von denen auch Powells Zukunft abhängen könnte. Vielleicht wird Bush ja seinem alten Muster folgen und versuchen, beide Seiten, Israelis und Araber, zu bedienen, die einen eben ein bisschen mehr als die anderen. Dann wird auch in seinem Kabinett alles so bleiben, wie es ist.

Aber in Israel zirkuliert das Gerücht, dass die Bush-Rede schon geschrieben ist - und in ihr soll angeblich nicht einmal mehr die Binsenweisheit stehen, dass die Grenzen von 1967 die Basis für eine Verhandlungslösung zwischen Israel und Palästinensern sein sollen. Schwer zu glauben, aber von den jüdischen Siedlungen im besetzten Gebiet hat Bush auch schon länger nichts mehr gesagt, und die Zeiten, wo anlässlich israelischer militärischer Exkursionen in die Palästinensergebiete mahnende Worte, es nicht zu übertreiben, aus Washington an der Tagesordnung waren, sind ja überhaupt längst vorbei.

Das würde bedeuten, dass die - voll mitzutragende - Einsicht, dass Israel den palästinensischen Terrorismus nicht ohne Reaktion über sich ergehen lassen kann, in der Administration von der Art der Unterstützung abgelöst wird, die im Kongress vorherrscht (woher Bush auch eine schöne Portion Druck bezieht): Was die Regierung Sharon auch tut, sei es sinnlos oder fragwürdig, es wird unterstützt. Sharon ist tatsächlich ein Genie: Es ist ihm gelungen, den ganzen Nahostkonflikt mit all seinen Aspekten auf Arafat, Arafat, Arafat zu reduzieren.

Vielleicht ist ja Bush auch deshalb so "kooperativ", weil sein erster Versuch, Israel den damaligen US-Willen aufzuzwingen, so kläglich gescheitert ist. Bushs immer dringlicher werdende Rückzugsaufforderungen nach Beginn der großen Militäroffensive zu Ostern wurden von Sharon nicht gerade ignoriert, aber befolgt auch nicht. Ja, ja, der alte Bush, der nach dem Golfkrieg mit Drohungen, den Geldhahn für Israel zuzudrehen, Yitzhak Shamir mit den Palästinensern an den Konferenztisch in Madrid zwang, hätte sich das nicht so leicht gefallen lassen. Davon ist man zumindest in der arabischen Welt fest überzeugt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2002)

Gudrun Harrer
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