Das Reservat des wilden Manns

24. Juni 2002, 09:17
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Fußball unter besonderer Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht wirft viele Fragen auf. Nicht zuletzt: Ist Mann nur im Stadion ganz bei sich?

Das Verhältnis von Fußball (bzw. Sport) und Geschlecht ist im Alltagsdiskurs ein blinder Fleck. Die männliche Konnotierung von Fußball als sozialem Feld ist so selbstverständlich, dass dieser Sachverhalt völlig aus dem Bewußtsein verschwunden scheint. Aber auch mit der wissenschaftlichen Befassung steht es nicht zum Besten - oft schweigen die Beobachter


Die Politologin Eva Kreisky zählt sicher nicht zu den "verschüchterten TheoretikerInnen" und skizzierte also in ihrem Beitrag zu den "Global Players" mögliche Ansatzpunkte für (sport-)soziologische Betrachtungen der Geschlechterverhältnisse im Fußball.

Prämisse: Fußball ist eine Aktivität von Männern für Männer. Frauen als bloße Zaungäste von selbstdarstellerischem Gehabe allerdings, waren schon in alter Zeit erwünscht. So wurde im Florentiner Calcio des 16. Jahrhunderts mit Nachdruck auf pflegliche Gewandung peinlich zu achten, um das weibliche Auge durch einen flotten Dress zu erfreuen.

Männlichkeit wird im Folgenden als soziales Konstrukt verstanden. Als solches wird es in gesellschaftlichem Diskurs und Handeln generiert und unterliegt historischer Veränderung (Und wird so für Soziologie erst greifbar). Diese Kategorie ist also von "Geschlecht" oder gar "Person" klar zu unterscheiden. Zur (sehr groben) Illustration: in vormodernen Gesellschaften dominierten Zuschreibungen die den Mann als ritterlichen Helden mit militärischen Tugenden feierten. Dieser wurde in der Hochzeit der kapitalistischen Revolution vom Ideal des asketischen, zielstrebigen und arbeitsamen Unternehmer abgelöst. Notwendiger Gegenpol zu diesem prototypischen Typus bürgerlichen Zuschnitts war der animalisch-triebhafte proletarische Kraftmensch.

Wir Rabauken. Agressives Verhalten zwischen zwei Horden von Männern soll in Fußballstadien schon beobachtet worden sein. Im Bild rangeln Mitglieder der Stämme Rangers und Celtic aus dem schottischen Glasgow

Der Proletarierfußball mit all seinen sozialen Nebenerscheinungen gilt heute, da es ihn nicht mehr gibt, als die klassische Epoche des Sports. Romantisch verklärt, wird er als Referenzpunkt herangezogen um (vermeintlich) degenerative Erscheinungen zu kritisieren. Doch auch die klassische Männlichkeit ist in der Krise. Smarte, flexible, globalisierte "Ich-Unternehmer" haben Hochkonjunktur - die harten Burschen das Nachsehen. Das Klischee des "Börsianers" (samt dem Kanon der auf diesem Abenteuerspielplatz Erfolg versprechenden Verhaltensweisen) verbreitet sich in immer weitere Bereiche der Gesellschaft. Insofern könnte man die Unruhe, die die zunehmende Ökonomisierung des Fußballs durch kühle Technokraten in traditionellen Anhängerkreisen auslöst, auch als Verunsicherung angesichts ins Wanken geratener (männlicher) Selbstverständnisse deuten. Architektonische Neuerungen (Sitzplatzstadien) und die forcierte Öffnung gegenüber neuen Zuschauersegmenten ("Bring your family") erschwert zusätzlich traditionelles Fanverhalten, Fankulturen erodieren.

Das Stadion als Reservat

Als eine wichtige soziale Funktion von Geschlechterkonstrukten gilt die Fortschreibung hegemonialer Strukturen in der Gesellschaft (im vorliegenden Fall: männlicher Hegemonie). Interpretiert man nun etwa Fußball (erfahren als Spieler wie Zuschauer im Stadion) als eine Art ritueller Veranstaltung zum Zweck der Sicht- und Erlebbarmachung von (dominanten) Werten und Weltsichten, könnte man schließen: Auf dem Fußballplatz zeigt sich Mann wie er wirklich ist - und anderswo nicht mehr sein darf. Dominant, laut, gewalttätig aber auch gefühlig, anderen Männern physisch nahe.

Emotionaler Ausnahmezustand: Gefühlen und Leidenschaften freien Lauf lassen dürfen. Im Dunstkreis des Fußballs ist Homoerotik ebenso zu Hause wie die standhafte Verachtung und Verächtlichmachung von Homosexualität

Es liegt nahe, Fußballmannschaften und Anhängergruppen (aber natürlich ebenso die Funktionärskaste) in Analogie zu klassischen Männerbünden (etwa: die Armee) zu verstehen. Zum Abschluss nach außen (und somit dem Ausschluss auch von Frauen) kommen die Entwicklung und Duchsetzung interner Wertmaßstäbe und Verhaltensmuster. Oft zeigt sich eine klare Hierarchie, wo nach außen egalitären Verhältnisse behauptet werden. Die beschworene Überwindung von Schicht- und Klassenschranken findet nicht statt. Dafür entwickeln sich libidinöse Beziehungen der Untergebenen zu einem fernen Führer, die nicht zuletzt deren Kadavergehorsam befördern.

Bei aller vordergründiger Affinität werden die Unterschiede hier aber sehr schnell deutlich. Ein Fußballtrainer ist eben kein Führer und auch kein General. Gerade heute wird die Machtposition des Coaches immer prekärer, bei Ablieferung mangelhafter Resultate ist er es, der als erster Konsequenzen zu befürchten hat. Die immer wieder vorgebrachten Analogien zwischen Fußball und Krieg führen wohl generell nicht sehr weit. Natürlich gibt es das Element der Auseinandersetzung, doch sind die Entwicklungslinien des Spiels sehr verwickelt und lassen sich an einer ganzen Reihe sozialer Praktiken festmachen. (Ausführlichst beschäftigt sich damit etwa Christoph Bausenwein in seinem exzellenten Buch Geheimnis Fußball. Auf den Spuren eines Phänomens. Verlag die Werkstadt) Zu oft wird außer Acht gelassen, dass Fußball eben nicht "ernst" sondern zu aller erst SPIEL ist und auch unter dieser Prämisse analysiert werden muss. Oder auch nicht. Denn: Kicken macht Spass. Und es darf die Frage gestellt werden, ob dieses sich einstellende Wohlgefühl nicht ein wesentliches Element des Spiels ausmacht, dessen Hinterfragung keinen Sinn macht.

Das Frauen vom Fußball aktiv ausgeschlossen wurden bleibt jedoch ein Fakt (und ist im Beitrag unserer Serie über Frauenfußball nachzulesen). Gerade in Österreich (ganz im Gegensatz etwa zu Skandinavien) sind die Realitäten, was Frau und Fußball anbelangt, auf psychischem (kein Verständnis, keine Akzeptanz), ökonomischem (kein Geld, keine Medienpräsenz) und politischem Feld (keine Funktionärinnen-Macht) nach wie vor von maskulin dominierten Strukturen geprägt. Insofern geht mensch nicht fehl, wenn Frauenfußball und Frauen im Fußball in weiten Bereichen immer noch als nicht selbstbestimmtes Anhängsel erscheinen.

Viele Unklarheiten bleiben. Wie sollen Frauen Fußball spielen? Spielen Frauen anders Fußball? Soll (Männer-)fußball weiblicher werden? Und wie wär's, bei der WM 2006 mit gemischten, äh, Menschschaften anzutreten? Die Diskussion sei hiermit eröffnet! (rob)


Eva Kreisky ist Vorständin des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Politische Theorie und Ideengeschichte, Staats- und Institutionentheorie, Politik der Geschlechterverhältnisse
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