Funk-Nostalgie unter der Käseglocke

13. Juni 2002, 18:01
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US-Rocker Lenny Kravitz lockte 15.000 Menschen nach Salzburg auf den Residenzplatz

Beeinträchtigt durch einen eher breiigen Sound, gab Kravitz einen Mix aus alten, funkigen Hadern und jenen nicht mehr wirklich überzeugenden, rockigen Songs der "Lenny"-CD.


Salzburg - Ein Rockstar, das ist ein Zeitgenosse, der zwischen sich und der Welt eine dunkle Brille platziert, auch wenn sich die Sonne längst verabschiedet hat, und der tausend Leute nach sich zieht, die plötzlich auch in der Nacht Sonnenbrillen tragen. Er ist auch ein Mensch, der die Hand hebt und damit schon für einen intensiven Kontakt zwischen Rotem Kreuz und jenen Menschen sorgt, die da an vorderster, kreislaufbeanspruchender Publikumsfront gerne erfahren, wie es sich anfühlt, eine Sardine zu sein. Eine Art Rocknaturgesetz.

Für Lenny Kravitz - Junge, noch kannst du beruhigt sein! - wollen auch in Salzburg recht viele das Sardinengefühl erleben. Noch immer ist der gepiercte US-Funkrocker, der sich gerne zwecks Selbstfindung auf die Bahamas zurückzieht, in der Lage, durch einfaches Dasein, durch Grüßen oder Winken Überreaktionen auszulösen - auch wenn seine letzte Lenny-CD, ein Mix aus Privatheit, Glaubensbekenntnis und Hedonismus, wieder ein Stückchen uninspirierter klang als deren Vorgängerin.

Und auch diese Vorgänger-CD klang ja schon etwas schlechter als deren Vorgängerin. Und diese Vorgängerin wiederum...
Lassen wir das.
Es driften jedenfalls Songqualität und Popularität bei Lenny mittlerweile arg auseinander. Noch aber ist an der Oberfläche alles groovig. Noch muss er mit Prince und Michael Jackson nicht zur Selbsterfahrungsgruppe "Keiner liebt mich". Doch wie lange noch?

Am Residenzplatz braucht er jedenfalls fünf Nummern für den Soundcheck und klingt, als würde er unter einer Käseglocke singen. Scheint egal. Einerlei scheint auch, dass es danach weiterhin auch ohne Käseglocke recht breiig klingt. Das ist zumindest ärgerlich und unlogisch, zumal Lenny ja viel an Bühnenschnickschnack weglässt, um sich als einfacher, erdiger Livemusiker zu präsentieren, aber den akustischen Rahmenbedingungen die kalte Tattoo-Schulter zeigt.

Da er viele Songs aus der Phase der neuen Mittelmäßigkeit am Menüplan hat, könnte man sagen: gut, sie nicht wirklich gehört zu haben. Aber Lenny, der an der Stiltankstelle der funkigen, souligen und rockigen 60- und 70er-Jahre sein Glück und einige gute Nummern gefunden hat, präsentiert auch diese. Und das ist dann eben alles irgendwie jammerschade.

An diesem Abend wurden - das jedenfalls hat man gehört - eine Menge Noten verbraucht. Lenny, der über der ärmellosen Jeansjacke eine Art verbrannten Vorhang trägt, war nicht nur sein eigener Rhythmusgitarrist. Er soliert uns auch einiges vor und hat an seiner Seite einen Klampfenkollegen, der auch reichlich viel zu sagen hat. Das ist in Ordnung. Wie auch jene da und dort auftretenden nostalgischen, aber substanzvollen Riffs, die einem alten Stil Falten aus dem Gesicht wegliften.

Kommunikation? "Saalzburgg!!!" schreit er zwischendurch und fragt sich, ob er schon einmal da war. Gott, ist diese Welt groß! Ein netter Mann (38) auch: Jene, die von ihren Fenstern aus unentgeltlich seinem Konzert beiwohnen, schickt er keine Rechnung, bittet sie nur, etwas für ihn zu kochen. Süß!

Würde er nur nicht auch noch so viele Gitarren wechseln und damit in sein Konzert diese dramaturgischen Löcher schlagen. Junge, du kannst wiederkommen. Aber denk' die Sache noch mal durch. Vielleicht auf den Bahamas. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2002)

Von Ljubisa Tosic
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